Mit Künstlicher Intelligenz gegen antimikrobielle Resistenzen: Ethische Herausforderungen zwischen Nachhaltigkeit und Technologiekritik
Mit Künstlicher Intelligenz gegen antimikrobielle Resistenzen: Ethische Herausforderungen zwischen Nachhaltigkeit und Technologiekritik
Lorina Buhr
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen
Hintergrund: Antimikrobioelle Resistenzen (AMR) sind ein zentrales Problem in der Gesundheitsversorgung. Laut dem jüngsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation lag in 2023 bei jeder sechsten im Labor bestätigten bakteriellen Infektion eine Resistenz gegen Antibiotika vor. Die Ausbreitung von AMR betrifft damit Patient*innen der Gegenwart und Zukunft in hohem Maße. Der Umgang mit Resistenzen verläuft strategisch über drei Handlungsfelder: (i) Eindämmung durch gezielteren und verminderten Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin, (ii) durch streng regulierten Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin und Landwirtschaft, (iii) durch Exploration neuer Antibiotikaklassen. Neuere Entwicklungen in der medizinischen KI schüren die Hoffnung, dass KI in allen Handlungsfeldern fördernd eingesetzt werden kann.
Bisherige ethische Diskussion. In der ethischen Diskussion zu AMR geht es neben Diskussionen zu intra- und intergenerationeller Verteilungsgerechtigkeit im Zugang zu Antibiotika u. a. den Vorschlag, Antibiotika als quantitativ und zeitlich begrenzte Ressource zur Therapie zu betrachten. Auf der medizinischen Entscheidungsebene seien die Akteure und Ärzt*innen aufgefordert, die Wahl der Antibiotikatherapie unter den Aspekten der medizinischen und ökologischen Nachhaltig gegen die Neben- und Nachwirkungen für Körper und Umwelt abzuwägen. Es gibt bisher jedoch kaum ethische Reflexion über die Entwicklung und den Einsatz von KI zur Eindämmung von AMR (AMR-KI).
Ethische Analyse: Der Beitrag widmet sich dieser Forschungslücke, indem er die Einsatzszenarien von KI im Hinblick auf ethische Implikationen und Dilemmata überprüft. Ein besonderer Fokus wird auf jene KI-Modelle gelegt, die antimikrobielle Peptide entdecken designen sollen. Die ethische Reflexion muss, so wird argumentiert, in diesen Fällen über die Diskussion von Verteilungsgerechtigkeit hinausgehen. Es wird vorgeschlagen, die ethische Reflexion zu ergänzen um eine kritische Analyse (i) der zugrundeliegenden zeitlichen und ökonomischen Logiken und Anreize der Entwicklung von AMR-KI, (ii) der Nachhaltigkeitsimplikationen von KI, (iii) der ethischen Konflikte auf der Ebene der Medikamentalisierung (in) der Gesellschaft und der Tiergesundheit. Damit legt der Beitrag einen innovativen Reflexionsrahmen für Technologiereflexion im Lichte von Nachhaltigkeit und One Health vor.