Nachhaltigkeit als Prinzip biomedizinischer Ethik
Nachhaltigkeit als Prinzip biomedizinischer Ethik
Cristian Timmermann1, Frank Ursin2
1 Institute for Ethics and History of Health in Society (IEHHS), Medizinische Fakultät, Universität Augsburg
2Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover
Der Klimawandel und Umweltschäden werden zu den größten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit. Ein Umgang mit erwarteten Bedrohungen ist ihre Abwendung oder Begrenzung durch Handlungsänderungen in der Gegenwart. Da immer mehr Gesundheitsfachkräfte und Bioethiker*innen erkennen, wie wichtig die Minderung des ökologischen Fußabdrucks des Gesundheitswesens ist, ist das Bedürfnis gewachsen, die Eignung der vier klassischen Prinzipien biomedizinischer Ethik neu zu bewerten. Eine offensichtliche Antwort ist die Ergänzung der klassischen Prinzipien – Achtung der Selbstbestimmung, Schadensvermeidung, Fürsorge und Gerechtigkeit – um ein neues Prinzip: „Nachhaltigkeit“. Hiermit würden ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen immer systematisch mit in Betracht gezogen. Im Zusammenhang mit den vier klassischen Prinzipien würden ethische Konflikte anders gewichtet und in einen kohärenten Zusammenhang gebracht werden. Diese Erweiterung wirft jedoch vier Fragen auf: (a) Welches Verständnis von Nachhaltigkeit sollte zugrunde gelegt werden? (b) In welcher Wechselwirkung steht dieses neue Prinzip mit den etablierten Pflichten von Ärzt*innen gegenüber einzelnen Patient*innen? (c) Können Umweltschutzbelange bereits mit den etablierten biomedizinischen Prinzipien adressiert werden, sodass ein neues Prinzip überflüssig ist? Und (d) ist eine Erweiterung aus konzeptioneller Sicht überhaupt notwendig, um ethische Überlegungen für die Gesundheit der Bevölkerung und des Planeten systematisch zu bewerten? Im Vortrag identifizieren wir Konzepte von Nachhaltigkeit, die professionelle Pflichten von Gesundheitsfachkräften mit denen von Institutionen und anderen Berufsgruppen vereinen. Anschließend untersuchen wir, wie Nachhaltigkeitsziele im Rahmen der klassischen vier Prinzipien vorangebracht werden können, z.B. mit einem umfassenderen Verständnis des Prinzips der Schadensvermeidung, das sowohl direkte und auch indirekte Schäden außerhalb der Arzt-Patienten-Beziehung einbezieht. Wir schlagen eine Spezifizierung des Prinzips der Gerechtigkeit vor, die auch Interessen von entfernten Personen und künftigen Generationen miteinbezieht. Schließlich sprechen wir uns für die Einführung von „Nachhaltigkeit“ als fünftes Prinzip aus, da die aktuelle Umwelt- und Notlage uns als Gesellschaft dazu zwingt, jedes Instrument dazu zu benutzen die Dringlichkeit der Lage zu erkennen und in handlungsleitende Prinzipien umzusetzen.