Potenziale emotionssoziologischer Analysen für die Ethik am Beispiel moralischer Konflikte in der Live-in Versorgung
Potenziale emotionssoziologischer Analysen für die Ethik am Beispiel moralischer Konflikte in der Live-in Versorgung
Matthias Hauer
Abteilung Ethik in der Medizin, Department für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Schuldgefühle den pflegebedürftigen Angehörigen gegenüber, weil zu wenig Zeit für die Pflege bleibt; Angst, dass die Angehörigen stürzen und niemand es merkt – Emotionen spielen in der Pflege eine wichtige Rolle, werden aber in ihrer ethischen Bedeutung bislang kaum analysiert. Martha Nussbaum (2001) begreift Emotionen als Werturteile. Schuldgefühle können etwa Ausdruck der Überzeugung sein, moralische Normen verletzt zu haben, Ängste auf die Auffassung verweisen, dass wertgeschätzte Güter in Gefahr sind.
Der Vortrag geht der Frage nach, inwiefern soziologische Methoden solche Emotionen einer ethischen Analyse zugänglich machen können. Dabei argumentiert er, dass die Analyse von Emotionen insbesondere zwei Ebenen zu berücksichtigen hat: (a) die Diskursebene und (b) die Mikroebene individueller Interaktionen. Am Beispiel von Live-in Versorgung wird die ethische Relevanz von Emotionen auf diesen Ebenen aufgezeigt. Wenn Emotionen als Werturteile begriffen werden, kann die diskursive Verhandlung von gesellschaftlichen Normen, die diese Emotionen prägen, nachvollzogen werden, um dann im Mikrosetting die darauf basierenden Emotionen zu analysieren. Ein moralischer Konflikt zwischen individueller Freiheit und familiärer Pflegeverantwortung zeigt sich beispielsweise auf Ebene des Diskurses durch die Verhandlung von Ängsten pflegender Angehöriger. Im Mikrosetting zeigt sich ein Verantwortungsgefühl gegenüber den eigenen Angehörigen, welches mit diesem Diskurs verknüpft ist, und soll durch die Einstellung einer Live-in Kraft aufgelöst werden. Emotionen zeigen hier die Relevanzsetzungen der pflegenden Angehörigen und dadurch ausgelöste Konflikte. Emotionen bewegen sich dabei in einem Spannungsfeld von individuellem Gefühl, gesellschaftlicher Norm und ethischer Bewertung. Auf beiden Ebenen ist es deshalb notwendig, die moralischen Bewertungen des Individuums bzw. des Diskursbeitrags theoretisch zu analysieren und zu überprüfen. Die dahinterstehenden Normen müssen herausgearbeitet werden und anschließend ethisch eingeordnet werden. Am Beispiel von Live-in Versorgung zeigt sich das methodische Potenzial einer solchen Analyse: Emotionen können als Indikatoren für moralische Werturteile dienen und deren Relevanz für die jeweiligen Individuen zeigen. So kann ihre soziologische Analyse einen wichtigen Ausgangspunkt für ethische Fragestellungen bilden.