„Und bis der Tod uns scheidet“: Ethische Herausforderungen bei assistierten Doppelsuiziden
„Und bis der Tod uns scheidet“: Ethische Herausforderungen bei assistierten Doppelsuiziden
Claudia Bozzaro
Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universität Münster
Assistierte Doppelsuizide (ASD) stellen ein bislang nur randständig untersuchtes Phänomen im Diskurs um assistiertes Sterben dar. Dennoch deuten empirische Daten aus Ländern mit liberalisierten Regelungen der Suizidassistenz darauf hin, dass ASD sowohl zahlenmäßig als auch als Gegenstand öffentlicher und ethischer Debatten an Bedeutung gewinnen.
Charakteristisch für ASD ist eine komplexe Entscheidungsstruktur: Der gemeinsame Entschluss zum Suizid entsteht nicht nur innerhalb des Paares, sondern muss im weiteren Verlauf mit mindestens einer dritten Person – etwa einer Ärztin oder einer Sterbebegleiterin – abgestimmt, geprüft und schließlich umgesetzt werden. Über die konkreten Entscheidungsprozesse in dieser triadischen Konstellation ist bislang nur wenig bekannt.
Der Vortrag stellt zunächst empirische Erkenntnisse aus Fallberichten, die vornehmlich in öffentlichen Medien zu finden sind und der bislang eher überschaubaren wissenschaftlichen Literatur vor. Darauf aufbauend werden die spezifischen ethischen Herausforderungen mit Blick auf relevante ethische Kriterien systematisch analysiert. Dabei wird u.a.:
- auf die Frage nach der Überprüfung individueller Autonomie in einer relational strukturierten Entscheidungssituation eingegangen.
- zweitens soll auf die sich möglicherweise besondere Herausforderungen im Hinblick auf Vulnerabilität und Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb des Paares eingegangen werden. Insbesondere in Rechtsordnungen, in denen der Zugang zur Suizidassistenz nicht auf schwere Erkrankungen beschränkt ist, stellt sich die Frage, inwiefern emotionale, soziale oder finanzielle Abhängigkeiten die Entscheidungsfreiheit eines Partners beeinträchtigen können, auch ohne expliziten äußeren Druck.
- Schließlich werden mögliche Implikationen für Angehörige und gesellschaftliche Leitbilder thematisiert, etwa im Hinblick auf Vorstellungen von Partnerschaft, Fürsorge und gemeinsamem Sterben.
Der Vortrag versteht sich als ein erster Systematisierungsversuch ethisch relevanter Implikationen dieser spezifischen Praxis, bei der angenommen werden kann, dass sie in den kommenden Jahren auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.