Zeit als zentraler Faktor bei Entscheidungen über das Fortsetzen einer Schwangerschaft nach auffälliger Pränataldiagnostik
Zeit als zentraler Faktor bei Entscheidungen über das Fortsetzen einer Schwangerschaft nach auffälliger Pränataldiagnostik
Christin Hempeler1, Mirjam Faissner2, Esther Braun3
1 Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Profilzentrum Gesundheitswissenschaften, Universitätsmedizin Halle, Medizinische Fakultät, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
2 Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
3 Juniorprofessur für Medizinische Ethik mit Schwerpunkt auf Digitalisierung, Fakultät für Gesundheitswissenschaften Brandenburg, Universität Potsdam
Aktuelle Entwicklungen in der Pränataldiagnostik, wie die zunehmende Implementierung nicht-invasiver pränataldiagnostischer Tests (NiPTs), ermöglichen eine risikoarme Feststellung fetaler Auffälligkeiten. Diese Studie untersucht, wie Ärzt*innen den Einfluss dieser Entwicklungen auf Beratungs- und Entscheidungsprozesse über das Fortführen von Schwangerschaften einschätzen. In diesem Vortrag stellen wir die Ergebnisse der Studie unter besonderer Berücksichtigung des Faktors Zeit vor.
Es wurden 17 Interviews mit Ärzt*innen geführt, die Erfahrung mit dem Stellen der medizinischen Indikation zum Schwangerschaftsabbruch haben, und mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet.
Die Teilnehmenden berichteten, dass NiPTs teilweise routinemäßig angeboten werden, wobei die diesbezügliche Aufklärung oft als unzureichend eingeschätzt wurde. Gleichzeitig wurde berichtet, dass viele Anbieter*innen von Pränataldiagnostik keine Schwangerschaftsabbrüche nach medizinischer Indikation durchführen. Dies trägt insbesondere bei späteren Abbrüchen zu einer unzureichenden Versorgungslage bei. Vor diesem Hintergrund beschrieben die Teilnehmenden, dass Zeit eine zentrale Rolle für Entscheidungen über das Fortsetzen der Schwangerschaft spielt.
Erstens wurde berichtet, dass ein auffälliger NiPT-Befund dazu führen kann, dass Schwangerschaftsabbrüche ohne Folgediagnostik noch innerhalb der Beratungsregelung erfolgen, um Versorgungsschwierigkeiten bei einem späteren Abbruch nach medizinischer Indikation zu umgehen.
Zweitens kann ein unauffälliger NiPT-Befund laut den Teilnehmenden falsche Sicherheit vermitteln, was weitere Vorsorgeuntersuchungen verzögern kann. Hierdurch werden fetale Auffälligkeiten erst später festgestellt, was Abbrüche in spätere Schwangerschaftswochen verschieben kann.
Drittens wurde berichtet, dass Ärzt*innen teils eine umfangreiche Pränataldiagnostik fordern, bevor sie eine medizinische Indikation zum Schwangerschaftsabbruch ausstellen. Auch dies kann zu späteren Abbrüchen führen, was schwangere Personen mit bestehenden Versorgungshürden konfrontiert.
Die zeitliche Bedrängnis, in der sich viele schwangere Personen dementsprechend befinden, erschwert laut den Teilnehmenden eine wohlüberlegte Entscheidung über das Fortsetzen einer Schwangerschaft. Zur Verbesserung der Situation bedarf es sowohl einer besseren Beratung vor der Durchführung von NiPTs als auch eines verbesserten Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen.