Zeit und Geld – ethische Implikationen zeitlicher Aspekte bei der Bewertung von finanziellen Überlegungen auf medizinische Entscheidungen in der Krebsmedizin

Zeit und Geld – ethische Implikationen zeitlicher Aspekte bei der Bewertung von finanziellen Überlegungen auf medizinische Entscheidungen in der Krebsmedizin

Julia F. L. König1,2, Birthe Aufenberg3, Gereon Brei3, Sabine Sommerlatte4, Wolfgang Greiner3, Jan Schildmann4, Eva Winkler2,5, Katja Mehlis2

1 Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), NCT Heidelberg, eine Partnerschaft zwischen DKFZ und dem Universitätsklinikum Heidelberg; Abteilung für Medizinische Onkologie, Medizinische Fakultät, Universität Heidelberg

2 Institut für Medizin- und Datenethik, Universität Heidelberg; Medizinische Fakultät, Universitätsklinikum Heidelberg

Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement, Universität Bielefeld

4 Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Profilzentrum Gesundheitswissenschaften, Medizinische Fakultät, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

5 Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), NCT Heidelberg, eine Partnerschaft zwischen DKFZ und dem Universitätsklinikum Heidelberg; Abteilung Gerechtigkeit und Gleichheit im Gesundheitswesen, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg

Finanzielle Überlegungen können medizinische Entscheidungen beeinflussen – besonders in der Krebsmedizin mit steigenden Patient:innenzahlen und kostenintensiven Therapien. Um Ressourcen adäquat verteilen zu können, ist es zum einen erforderlich zu verstehen, wie sich finanzielle Überlegungen auf medizinische Entscheidungen auswirken und zum anderen, wie diese Auswirkungen zu bewerten sind. Der Beitrag untersucht, wie zeitliche Aspekte die ethische Bewertung finanziell beeinflusster Entscheidungssituationen in der Onkologie verändern. Grundlage ist eine qualitative Interviewstudie, in der n=21 Entscheidungssituationen identifiziert wurden, in denen finanzielle Überlegungen medizinische Entscheidungen beeinflussten. Bei n=13 Entscheidungssituation zeigte die Analyse, dass die zeitlichen Aspekte ethische Implikationen für die Bewertung haben: Wie viel Zeit müssen Patient:innen in einer medizinischen Institution verbringen? Wie schnell sollte eine Diagnosestellung erfolgen und aus welchen Gründen darf sie länger dauern? Wie kann zwischen einem schnellen Zugang zu neuen Medikamenten und einer fehlenden Kostendeckung abgewogen werden? Diese zeitlichen und zeitlich relevanten Aspekte strukturieren nicht nur den Entscheidungsprozess, sondern prägen auch die moralische Bewertung von Wohlergehen, Verantwortung und Fairness.

Anhand dieser ausgewählten Entscheidungssituationen soll sowohl finanziellen Einflüssen als auch zeitlichen Aspekten dargestellt und eingeordnet werden. Dabei wird gezeigt, dass zeitliche Aspekte ethische Implikationen bei der Bewertung von finanziellen Überlegungen auf medizinische Entscheidungen in der Krebsmedizin haben. Z. B. verzögert kostenintensive (molekulargenetische) Diagnostik Therapieentscheidung und -einleitung, Vergütungsstrukturen können den Zugang zu Therapien verlangsamen (z.B. off-lable use) und manche Ressourcen werden aufgrund ihrer hohen Kosten gegen ihre Effizienz in Bezug auf die Lebenszeit abgewogen (kostenintensive Therapie mit fraglicher Kosten-/Nutzenrelation). 

Der Beitrag argumentiert, dass Zeit als ethische Kategorie in der Bewertung finanzieller Einflüsse auf medizinische Entscheidungen berücksichtigt werden muss, um das Patient:innenwohl zu fördern und gerechte und verantwortbare Allokationsentscheidungen in der Krebsmedizin treffen zu können. Der Beitrag soll verschiedene Dimensionen von Zeit in diesem Kontext explizieren und erste Überlegungen zur Bewertung dieser zeitbezogenen ethischen Implikationen vornehmen.

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