Zeiterfahrungen bei Schwangerschaftsverlust – Zur ethischen Bedeutsamkeit literarischer Narrationen
Zeiterfahrungen bei Schwangerschaftsverlust – Zur ethischen Bedeutsamkeit literarischer Narrationen
Isabella Marcinski-Michel
Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
Schwangerschaftsverluste treten in 10 bis 20 Prozent aller Schwangerschaften auf und gelten trotzdem als Abweichungen von einem Schwangerschaftsnormalverlauf. Die meisten Schwangerschaftsverluste finden sehr früh und teilweise unbemerkt statt. Sie sind gesellschaftlich nur wenig wahrgenommene Verlusterfahrungen, werden oft verschwiegen oder nur im engsten Umfeld kommuniziert.
Philosophische, medizinethische und lebensweltliche Vorstellungen von Schwangerschaft beruhen auf einem teleologischen Narrativ von Fortpflanzung, das meist implizit bleibt und nicht reflektiert wird. Entsprechend werden Verlusterfahrungen, die auf die Kontingenz und mögliche Diskontinuität von Schwangerschaft hinweisen, bisher kaum thematisiert. Schwangerschaftsverluste markieren dabei einen Bruch mit dieser angenommenen teleologischen Zeitstruktur der Schwangerschaft und bedeuten den Verlust einer antizipierten Zukunft.
Der Schwangerschaftsverlust wird oftmals als Disruption im Lebensverlauf erfahren. Er hat ebenso wie andere Erfahrungen von Verlust und Trauer Auswirkungen auf das Zeiterleben: Er wird als Stillstand von Zeit, ein zugleich gesteigertes und vermindertes Bewusstsein von Zeit geschildert. Zur möglichen Ambivalenz des Schwangerschaftsverlustes gehört schließlich, dass dieser auch als Entlastung erlebt werden kann, etwa wenn die Schwangerschaft nicht erwünscht war.
Der Vortrag wir angelehnt an bisherige philosophische und ethische Überlegungen zu Zeit und (Schwangerschafts-)Verlust, literarische Narrationen zum Schwangerschaftsverlust und die hier geschilderten Zeiterfahrungen in den Blick nehmen. Untersucht wird die Bedeutung der medizinischen Behandlungen und der institutionell verankerten zeitlichen Strukturen sowie deren Auswirkungen auf die individuellen Narrationen. Als Texte werden u.a. „Die Antwort“ von Anna Hogeland (2022), „Für immer seh ich dich wieder“ von Yannic Han Biao Federer (2025) sowie die Graphic Novel „Good Eggs“ von Phoebe Potts herangezogen. Narrative Ansätze in der Bioethik eignen sich mit ihrem Fokus auf Erzählungen hervorragend, um die zeitlichen Dimensionen herauszuarbeiten. Sie sind sensibel für zeitliche Verlaufsmodelle und vermögen so, Disruptionen und den nicht planmäßigen Verläufen Ausdruck zu verleihen. Der Vortrag wird die für den Schwangerschaftsverlust spezifischen Zeiterfahrungen sowie die ethische Bedeutsamkeit dieses Zeiterlebens für die Gesundheitsversorgung herausarbeiten.