Zeitliche Barrieren zu Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland: Strukturelle Herausforderungen der Versorgung in Deutschland aus Sicht von Gynäkolog*innen und Berater*innen
Zeitliche Barrieren zu Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland: Strukturelle Herausforderungen der Versorgung in Deutschland aus Sicht von Gynäkolog*innen und Berater*innen
Amelie Kolandt1, Mirjam Faissner1, Susanne Michl1
1 Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
Hintergrund: Gesetzliche Fristen, Wartezeiten bis zur Versorgung und die Dauer von Entscheidungsprozessen prägen die Erfahrungen von Schwangeren und Versorgenden.
Diese qualitative Studie untersucht strukturelle Barrieren zur Versorgung mit Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland aus Perspektive von Expert*innen.
Methoden: Zwischen September 2020 und Mai 2021 führten wir 42 leitfadengestützte Expert*inneninterviews mit Gynäkolog*innen (n=22) und Schwangerschaftskonfliktberater*innen (n=20) durch und werteten diese mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring aus.
Ergebnisse: Die Analyse ergab mehrere zeitkritische Herausforderungen über verschiedene Versorgungsaspekte hinweg.
Expert*innen beschrieben einen kontinuierlichen Rückgang der Anbieter*innen von Schwangerschaftsabbrüchen, was zu längeren Wartezeiten und Anfahrtswegen führt (Zugang). Der fortschreitenden Schwangerschaftsverlauf während der Wartezeit erhöht medizinische Risiken, schränkt methodische Wahlmöglichkeiten ein und verstärkt die psychische Belastung für Patient*innen.
Verzögerungen bei Eingriffen nach Beratungsregelung entstehen durch Informationsdefizite, Beratungs- und Wartepflichten, logistische Hürden und Sprachbarrieren sowie Stigmatisierung.
Bei medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbrüchen zeigen sich zusätzliche zeitkritische Probleme wie intransparente Prozesse bei Indikationsstellung, fragmentierte Versorgungsstrukturen sowie institutionelle Weigerungen sowie die Involvierung von Ethikkommittees, die die Behandlung verzögern können.
Marginalisierte Gruppen – Menschen in ländlichen Regionen, mit Migrationsgeschichte, (psychischen) Vorerkrankungen oder Gewalterfahrungen – erleben laut der Expert*innen überproportional häufig zeitkritische Barrieren mit besonders gravierenden Folgen.
Der demografische Wandel verschärft diese Problemlagen der Versorgung durch entstehende Lücken zusätzlich.
Diskussion: In diesem Beitrag diskutieren wir, wie rechtliche Ambiguität, fragmentierte Versorgungsstrukturen und die Nutzung des Weigerungsrechts zu zeitkritischen Situationen führen. Zeitliche Verzögerungen können Schwangere zwingen, die 12-Wochen-Frist zu überschreiten, weswegen sie auf alternative Versorgungswege im Ausland oder die Ausstellung einer medizinischen Indikation angewiesen sind. Dies kann zu späteren Abbrüchen mit höheren Komplikationsrisiken führen. Dadurch wird das Prinzip der Schadensvermeidung verletzt und die reproduktive Autonomie der Patient*innen eingeschränkt.