Zukunft denken, Entscheidungen treffen: Zeitliche Dimensionen eines guten Lebens in der gesundheitlichen Vorausplanung
Zukunft denken, Entscheidungen treffen: Zeitliche Dimensionen eines guten Lebens in der gesundheitlichen Vorausplanung
Lena Stange
Abteilung Ethik in der Medizin, Department für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Die Erstellung gesundheitlicher Vorausverfügungen beruht maßgeblich auf Antizipationen zukünftiger Lebensphasen, Krankheitsverläufe und allgemein auf Vorstellungen eines guten Lebens im Zeitverlauf. In der bisherigen Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Vorausverfügungen sind derartige zeitbezogene Vorstellungen weitgehend unbeachtet geblieben. Der Vortrag argumentiert, dass ihre Einordnung aus strebensethischer Perspektive dazu beitragen kann, antizipierende Entscheidungsprozesse über zukünftige gesundheitliche Situationen besser zu verstehen und ethisch zu bewerten. Zu diesem Zweck wurden leitfadengestützte Interviews zu gesundheitlichen Vorausverfügungen herangezogen, in denen 18 volljährige Personen verschiedener Altersgruppen zu ihren Vorstellungen eines guten Lebens und Sterbens im Kontext gesundheitlicher Vorausplanung befragt wurden. Die erhobenen Perspektiven wurden mithilfe der Reflexive Thematic Analysis nach Braun und Clarke ausgewertet, anschließend wurde eine Typologisierung nach Kluge vorgenommen. Die Analyse richtet den Blick insbesondere auf die zeitlichen Dimensionen dieser Vorstellungen und ihre Einbettung in antizipierte Lebensverläufe. Anhand der Typologie wird das Spektrum von Vorstellungen von dem zeitlichen Verlauf eines guten Lebens aufgezeigt, die die Befragten formulieren, und mit ihren Antizipationen zukünftiger Lebensphasen für gesundheitliche Vorausplanung ins Verhältnis gesetzt. So gibt es die Vorstellung eines guten Lebens als über die Zeit kohärenten Lebensentwurf, dessen zentrale Werte – etwa Selbstbestimmung oder Unabhängigkeit – möglichst erhalten bleiben sollen. Antizipierte Krankheitsphasen werden danach bewertet, ob sie diese Kontinuität gefährden, was sich in einer restriktiveren Vorausplanung zeigen kann. Andere Vorstellungen begreifen ein gutes Leben als Abfolge wandelbarer Lebensphasen, in denen sich Wertsetzungen verändern. Entsprechend werden potenziell eingeschränkte zukünftige Lebensphasen als lebenswert antizipiert und in der Vorausplanung als gestaltbare Lebenszeit berücksichtigt. Mitunter zeigen sich auch Inkonsistenzen zwischen langfristigen Wertorientierungen und den im Rahmen der gesundheitlichen Vorausplanung formulierten Präferenzen. Die Studie vermittelt ein empirisch informiertes und ethisch fundiertes Verständnis von lebenszeitlich verankerten Werten und Lebensentwürfen und ermöglicht so eine vertiefte ethische Bewertung von innerer Kohärenz und Authentizität gesundheitlicher Vorausverfügungen.