Zukunft unter Vorbehalt: Zur ethischen Problematik palliativer Grenzziehungen in der Psychiatrie
Zukunft unter Vorbehalt: Zur ethischen Problematik palliativer Grenzziehungen in der Psychiatrie
Christiane Burmeister 1, Sarah Kayser2, Florian Funer1
1 Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Tübingen
2 Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie mit Poliklinik, Universitätsklinikum Tübingen
Der unter dem Begriff „Palliative Psychiatrie“ diskutierte Ansatz zur Versorgung von Menschen mit schweren und anhaltenden psychischen Erkrankungen (Severe Persistent Mental Illness, SPMI) beruht auf weitreichenden ontologischen, erkenntnistheoretischen und normativen Annahmen. Zentral ist dabei die Übertragung einer aus der somatischen Medizin vertrauten Unterscheidung zwischen kurativen und palliativen Therapieformen auf psychiatrische Behandlungsstrategien. Bestimmte Patient:innen, so die Annahme, können aufgrund von Schweregrad, Chronizität und Therapieresistenz realistisch nicht mehr als heilbar gelten. Die statistische Evidenz erhöhter Mortalitäts- und Suizidraten wird in diesen Fällen als funktionales Äquivalent somatischer Infaustdiagnosen interpretiert. In der Konsequenz sei ein primär palliatives Behandlungskonzept – fokussiert auf Symptomlinderung, Leidensreduktion und Lebensqualitätsverbesserung – einem kurativ orientierten Vorgehen vorzuziehen.
Diese Argumentation wirft jedoch grundlegende Fragen nach dem Krankheits- und Prognoseverständnis in der Psychiatrie auf, insbesondere mit Blick auf die spezifische Zeitstruktur psychischer Erkrankungen. Im Unterschied zu vielen somatischen Erkrankungen sind psychiatrische Verläufe häufig durch Nichtlinearität und eine langfristige Offenheit gekennzeichnet, die sich nur begrenzt in statistischen Prognosen abbilden lässt. Die Gleichsetzung statistischer Risikoerhöhungen mit individueller „Infaustheit“ droht, diese zeitliche Offenheit normativ zu schließen. Darüber hinaus ist die besondere performative Wirkung der Klassifikation als ‚palliativ‘ und deren Einfluss auf therapeutische Dynamiken zu untersuchen.
Ziel des Vortrags ist es, die häufig fragmentierten Diskussionsstränge zur „Palliativen Psychiatrie“ systematisch zusammenzuführen und ihre ontologischen, erkenntnistheoretischen und normativen Voraussetzungen explizit zu machen. Die vorgebrachten Einwände dienen dabei nicht der Zurückweisung palliativer Psychiatriekonzepte, sondern der kritischen Prüfung ihrer Plausibilität, Reichweite und Risiken. Auf dieser Grundlage soll ausgelotet werden, unter welchen Bedingungen die Unterscheidung von Kurativität und Palliativität in der Psychiatrie als ethisch tragfähige, zeitlich sensible und therapeutisch verantwortbare Orientierung dienen kann.