Forschung oder Behandlung? Genomische Therapien als Anlass zur Neubestimmung einer etablierten ethischen Abgrenzung

Forschung oder Behandlung? Genomische Therapien als Anlass zur Neubestimmung einer etablierten ethischen Abgrenzung

Dimitra Konstantinidou

Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Entwicklung genomischer Therapien mit ihrer bisher beispiellosen Präzision und Interventionskraft hat das Potenzial, die medizinische Praxis grundlegend zu verändern. Diese Therapien unterscheiden sich von traditionellen, bisher vorherrschenden therapeutischen Verfahren, die sich an populationsbasierten Daten orientierten. Der personalisierte Charakter genomischer Therapien bietet neue Hoffnung für Patient:innen, die kleinen Gruppen angehören, wie z.B. Patient:innen mit seltenen Erkrankungen, oder singulären Mutationen aufweisen. Diese Veränderung machen eine Neubestimmung zentraler Konzepte und Methoden der Medizin erforderlich, insbesondere im Hinblick auf Evidenzgenerierung, Evaluation und Datenerhebung im Kontext individueller Behandlungsversuche. Darüber hinaus erfordern sie die Anpassung ethischer und regulatorischer Rahmenbedingungen, um den spezifischen Herausforderungen dieser neuen Therapien gerecht zu werden.

Insbesondere gerät die seit Jahrzehnten etablierte ethische Dichotomie zwischen „Forschung“ und „Behandlung“ zunehmend in Frage. Während diese Problematik im amerikanischen Diskurs bereits zunehmend diskutiert wird, fehlt eine vergleichbare Diskussion im deutschsprachigen Raum weitgehend. Diese Forschungslücke stellt ein wesentliches normatives Problem dar, denn die Trennung überzeugt im Kontext individueller Therapien nicht mehr, weil etablierte Evaluationsmethoden wie große randomisierte kontrollierte Studien nicht anwendbar sind. Da therapeutische Entscheidungen und Wissensgenerierung zunehmend zusammenfallen, hat dies unmittelbare ethisch-praktische Implikationen für zentrale Fragen wie die informierte Einwilligung. 

Diese klassische Abgrenzung von „Forschung“ und „Behandlung“ erweist sich für individuelle genomische Therapien als ethisch unzureichend. Ziel des Beitrags ist es daher, nicht nur Licht auf die bislang noch laufende Debatte zu werfen, sondern auch eine klare Position im Hinblick auf genomische Therapien einzunehmen, ihre Dynamik herauszustellen und ein konzeptionelles Rahmenwerk vorzuschlagen. Dabei wird die Einführung eines Learning Health Systems als Ansatz zur Überbrückung dieser Trennung vorgeschlagen. Mit bestimmten Anpassungen erscheint die Implementierung eines solchen Systems nicht nur praktikabel, sondern auch ethisch gerechtfertigt – zumindest im Kontext genomischer Therapien.

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119985
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