Kann man wissen, was für einen anderen Menschen gut ist?
Kann man wissen, was für einen anderen Menschen gut ist?
Nele Röttger
Geschichte und Wissenschaftstheorie der Medizin, Abteilung Philosophie, Universität Bielefeld
Selbst wenn man wüsste, was für einen anderen Menschen gut ist, sprechen überzeugende ethische Gründe dagegen, die Person mit übergriffigen Handlungen oder wohl-meinenden Ratschlägen zu behelligen. Warum also sollte man sich der titelgebenden Frage des Vortrags überhaupt widmen? Ich argumentiere dafür, dass die Frage, ob man wissen kann, was für einen anderen Menschen gut ist, nicht nur aus ethischen, sondern auch aus epistemischen Gründen verneint werden muss. Im Anschluss an eine Begriffs-bestimmung von „Erfahrungswissen“ werde ich im Vortrag zeigen, dass hinsichtlich bestimmter Lebensfragen, wie beispielsweise im Umgang mit psychischer und körperlicher Gesundheit und Krankheit, eine spezifische Form von Wissen erforderlich ist. Dieses Wissen zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass es in einem Prozess gewonnen wird, den eine Person im Laufe der Zeit und im Umgang mit sich erfährt. Aus dieser Hypothese folgt, (1) dass Erfahrungswissen nur von der Person selbst gewonnen werden kann, da sie es ist, die diese Erfahrungen macht. Die Hypothese spricht (2) dafür, dass Erfahrungswissen selbst prozesshaft ist und der Reflexion auf die jeweiligen Erfahrungen bedarf. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Annahme, man könne wissen, was für einen anderen Menschen gut ist, aus epistemischen Gründen in einer bestimmten Hinsicht falsch ist. Zwar kann man aus beispielsweise ärztlicher oder pflegerischer Sicht bestimmte Therapien oder Maßnahmen als indiziert erkennen. Nicht wissen kann man jedoch, wie sich dies zu den weiteren Erfahrungen der Person im Umgang mit Gesundheit und Krankheit verhält. Dies ist insbesondere relevant bei psychischen und chronischen Erkrankungen oder Behinderungen. Zugleich weist die Prozessualität, die im Konzept des Erfahrungswissens liegt, daraufhin, dass Menschen Vertrauen in sich selbst und andere benötigen, um Erfahrungswissen bewusst entwickeln zu können. Dieses Vertrauen kann durch Strukturen und Personen im Gesundheitswesen sowohl gestärkt als auch geschwächt werden. Ich argumentiere in meinem Vortrag dafür, dass es auch aus epistemischen Gründen eine ethische Verpflichtung gibt, Menschen in derartigen Prozessen zu begleiten und sie darin zu unterstützen, ihre Erfahrungen zu begreifen und zu reflektieren, um sie in ihrem Selbstvertrauen zu stärken und dadurch im selbstbestimmten und selbstwirksamen Umgang mit Gesundheit und Krankheit zu unterstützen.