Warum ist die Medizinethik eigentlich so technophob? - Technologie- und medizinethische Konzepte im Horizont der Zeitlichkeit medizinethischer Forschung

Warum ist die Medizinethik eigentlich so technophob? - Technologie- und medizinethische Konzepte im Horizont der Zeitlichkeit medizinethischer Forschung

Joschka Haltaufderheide

Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Greifswald

Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Technologiesprungs in der Medizin scheint die Auseinandersetzung der Medizinethik mit - und ihre Affinität zu - neuen Gesundheitstechnologien allgegenwärtig. Dieser Vortrag stellt diese Einschätzung infrage und argumentiert, dass zentrale Kernkonzepte der Medizinethik trotz ihrer scheinbaren Technologiesensibilität strukturell technoskeptische, teils technophobe Prämissen tradieren. Dies wird exemplarisch am Modell der Arzt-Patienten-Beziehung (APB) aufgezeigt.

Die APB gehört zu den paradigmatischen Bezugspunkten medizinethischen Denkens und fungiert als grundlegendes Orientierungsmodell für die Deliberation ethischer Rechte und Pflichten. Zugleich fällt auf, dass Technologie – und damit ein expliziter Technologiebegriff – nicht als integraler Bestandteil dieses Modells konzipiert ist. Der Vortrag setzt sich kritisch mit dieser Leerstelle auseinander und deutet die APB als ein Modell des sogenannten surrogate reasonings, bei dem ausgewählte Merkmale eines Handlungskontextes in ein Denkmodell übertragen werden, um normative Schlüsse für hinreichend ähnliche Situationen zu ermöglichen. Unter dieser Perspektive kann die Auswahl wesentlicher Parameter des modellierten Handlungskontextes zeitlich aufgeschlossen werden.

In diesem Horizont der Zeitlichkeit wird gezeigt, dass die Festlegung wesentlicher Modellparameter normativ aufgeladen ist und im Hinblick auf das implizierte Verständnis parallel zu größeren gesellschaftlichen Entwicklungen verläuft. Insbesondere in der Entwicklung und Kritik des Modells ab der Mitte des 20. Jahrhunderts lassen sich daher technoskeptische Positionen sowie ein stark anthropozentrisches Beziehungsideal identifizieren, die die Rolle von Technologien systematisch marginalisieren und bis heute fortwirken. Diese stehen in unmittelbarer Nähe zu zeitgebundenen Technikverständnissen und Beziehungsidealen und wirken als historisch sedimentierte Prämissen medizinethischer Modellbildung bis in gegenwärtige Diskurse fort.

Der Vortrag versteht sich nicht als Plädoyer für alternative Modelle der APB, sondern als Einladung zur Reflexion über die zeitliche Persistenz impliziter Technologiekonzepte in der Medizinethik. Es soll aufgezeigt werden, wie solche impliziten Annahmen die Reichweite und Grenzen medizinethischer Analyse prägen und warum ihre kritische Rekonstruktion – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen - ein zentrales Desiderat gegenwärtiger medizinethischer Forschung darstellt.

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