Was wäre, wenn...?! Die Szenario-Methodik zur Antizipation zukünftiger medizinethischer Herausforderungen in der Altersmedizin

Was wäre, wenn...?! Die Szenario-Methodik zur Antizipation zukünftiger medizinethischer Herausforderungen in der Altersmedizin

Julia Latting Perry1, Jana Wegehöft1

Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen 

Als Individuen und als Gesellschaft versuchen wir, in der Gegenwart und Vergangenheit nach Spuren des Zukünftigen zu suchen, um diese zu deuten und daraus Vorstellungen vom Kommenden zu gewinnen (Hadolt & Stöckl, 2024). Antizipation zukünftiger Entscheidungen kann besonders für Menschen wichtig sein, die einem Krankheitsrisiko ausgesetzt sind, da eigenständiges Planen als Teil der Selbstbestimmung verstanden werden kann. Die rasante Entwicklung neuer medizinischer Technologien zur Prädiktion von spät manifestierenden Krankheiten (z.B. Alzheimer-Krankheit) stellen Zukunftsvorstellungen von Betroffenen vor viele Herausforderungen. Auch existierende Strukturen des Gesundheitswesens auf der Meso- und Makroebene oder zukünftige Verantwortlichkeiten von medizinischem Personal werfen offene Fragen auf. Dadurch steht die Medizinethik vor der methodologischen Herausforderung, ethische Beurteilungen und praktische Empfehlungen für Technologien oder Praktiken zu entwickeln, die derzeit noch nicht existieren oder implementiert sind.

Eine strukturierte Herangehensweise an solche Zukunftsentwicklungen bietet die Szenario-Methodik, mit der zukünftige Entwicklungsperspektiven für konkrete Zeiträume multiperspektivisch, systematisch erörtert und bewertet sowie Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden können. Szenario-basierte Methoden beruhen dabei auf einer geregelten Analyse aktueller Entwicklungen und beanspruchen somit eine gewisse Plausibilität (Spöhrer et al., 2022). Bei einer ethischen Reflexion über Technologien, Medizin und Gesundheit können solche antizipatorischen Ansätze und Perspektiven unsere Analysen der impliziten oder expliziten Erwartungen, Visionen und Praktiken des Planens und Vorbereitens schärfen sowie theoretisch untermauern (Schicktanz, 2026). Zugleich erlauben sie Reflexionen über verschiedene Zeitläufe sowie eine separate Betrachtung individueller und gesellschaftlicher Dimensionen.

Mithilfe der Szenario-Methodik möchten wir im interdisziplinär und interaktiv angelegten Workshop – am Beispiel von Forschungsansätzen im Bereich Altersmedizin – gemeinsam Zukunftsentwürfe diskutieren. Ziel ist es, moralisch relevante Aspekte, Einflussfaktoren und unterschiedliche Perspektiven systematisch herauszuarbeiten, um daraus ethische Voraussetzungen für geeignete Lösungsansätze zu erarbeiten.

Um die Exploration innovativer normativer Überlegungen zu fördern, setzt sich der geplante Workshop aus drei Teilen zusammen: eine theoretische Hinführung, eine Interaktionsphase in Kleingruppen (Bewertung der jeweiligen Szenarien) und eine Reflexionsrunde.

Im ersten Teil (30 Minuten) werden wir zusammenfassend Ansätze der Szenario-Methodik darstellen, die für ethische Fragestellungen in Bezug auf die Altersforschung gut anwendbar sind. Weiterhin werden wir konkrete visuell aufbereitete Szenarien aus drei Bereichen zur anschließenden Bearbeitung vorstellen, zwischen denen die Teilnehmenden wählen können:

  1. Zukunft des Alterns im Gesundheitssystem
  2. Gesundheitsversorgung von Menschen mit Demenz
  3. Blutbasierte Biomarkertests in der Alzheimer-Forschung

Im zweiten Teil (40 Minuten) finden Gruppenarbeiten statt, in denen die Teilnehmenden die Plausibilität der einzelnen Szenarien hinsichtlich Best-Case bzw. Worst-Case Szenarien sowie der jeweiligen Zeitrahmen, -räume und/oder -strukturen untersuchen werden.

Im dritten Teil (20 Minuten) des Workshops reflektieren wir gemeinsam im Plenum die Ergebnisse aus den Gruppenarbeiten sowie die Vorteile und Herausforderungen der Szenario-Methodik und der möglichen Kombination mit weiteren Methoden zur praktischen Anwendung bei medizinethischen Forschungsprojekten und Fragestellungen. Wir wollen gemeinsam diskutieren, bei welchen ethischen Fragestellungen die Szenario-Methodik besonders sinnvoll und anwendbar ist und bei welchen weniger.

Insgesamt richtet sich der Workshop damit an alle die vorhaben, Fragestellungen in Bezug auf zukünftige medizinische und technologische Entwicklungen zu untersuchen und/oder Interesse haben, die Szenario-Methode praxisnah kennenzulernen. Dabei sollen die Teilnehmenden für die zukunftsgerichtete Methode sensibilisiert und zur weiteren Arbeit mit dem Vorgehen bspw. in der Lehre oder in partizipativen Settings angeregt werden.

Für den Workshop sind 15-18 Plätze vorgesehen. Die Teilnehmenden erhalten die Szenario-Unterlagen am Workshoptag.

Literatur:

Hadolt, B., & Stöckl, A. (Eds.) (2024). Hope and Uncertainty in Health and Medicine: Imagining the Pragmatics of Medical Potential. transcript Verlag. doi.org/10.14361/9783839467

Schicktanz, S. (2026). Antizipation. In: Deppe, S. et al. (Eds.) Handbuch Medizin und Lebenszeit. Metzler. doi.org/10.1007/978-3-662-68418-4_24-1

Spöhrer, K. et al. (2022). Hausärztliche Medizin im digitalen Zeitalter: Szenarien und Empfehlungen. Gesundheitswesen, 84(7). doi.org/10.1055/a-1791-0834

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119995
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