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Die Jahrestagung

Die Abteilung Ethik in der Medizin am Department für Versorgungsforschung veranstaltet die Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin vom 10. bis 12. September in Oldenburg. Angemeldet haben sich rund 200 Teilnehmende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, darunter Fachleute aus Medizin, Philosophie, Pflege, Recht sowie Geistes-, Sozial- und Gesundheitswissenschaften. Die Tagung steht unter dem Titel „Medizin und Zeit“ – gleichzeitig ein Forschungsschwerpunkt der Oldenburger Medizinethik. An drei Tagen finden mehr als 50 Sektionsvorträge, Workshops und Plenarveranstaltungen statt. Sie beschäftigen sich unter anderem mit ethischen Herausforderungen bei assistierten Doppelsuiziden, bei KI-basierter Diagnostik und beim Einsatz des errechneten Geburtstermins als Kontrollinstrument. Keynote-Speaker ist der Tübinger Mediziner und Philosoph Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin am Universitätsklinikum Tübingen.

Zu den Personen:

Seit 2018 lehrt und forscht Prof. Dr. Mark Schweda am Department für Versorgungsforschung zu Ethik in der Medizin. Der Philosoph beschäftigt sich mit der Bedeutung der modernen Medizin und Technologie für unser Selbstverständnis und unsere Lebensentwürfe. Seit 2021 forscht er unter anderem in der DFG-Forschungsgruppe „Medizin und die Zeitstruktur guten Lebens“, deren Sprecher er seit 2025 ist.

Nach einem Studium der Kulturwissenschaften und Frankoromanistik erlangte Lena Stange einen Masterabschluss in Public Health. Zunächst forschte sie an der Jade Hochschule in der Abteilung Technik und Gesundheit für Menschen. Seit 2019 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der von Schweda geleiteten Abteilung Ethik in der Medizin, wo sie gerade promoviert.

Kontakt:

Abteilung Ethik in der Medizin

Prof. Dr. Mark Schweda

+49-441-798-4483

Lena Stange

+49-441-798-4491

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    Zeit spielt in der Medizin eine wichtige Rolle - auch bei Entscheidungen, die Patientinnen und Patienten treffen müssen. Adobe Stock / Andrey Popov

  • Lena Stange und Mark Schweda forschen in der Abteilung Ethik in der Medizin zum Zusammenhang von Medizin und Zeit. Außerdem sind sie Gastgeber für die diesjährige Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin.

Zeit - das große Versprechen der Medizin

Ab Donnerstag treffen sich rund 200 Medizinethiker*innen in Oldenburg, um über Medizin und Zeit zu sprechen. Warum dieser Zusammenhang wichtig, aber bislang noch viel zu wenig beachtet ist, erklären Mark Schweda und Lena Stange aus der Medizinethik.

Ab Donnerstag treffen sich rund 200 Medizinethiker*innen in Oldenburg, um über Medizin und Zeit zu sprechen. Warum dieser Zusammenhang wichtig, aber bislang noch viel zu wenig beachtet ist, erklären Mark Schweda und Lena Stange von der Abteilung für Ethik in der Medizin der Universitätsmedizin Oldenburg.

Sinnbildlich für das Thema Medizin und Zeit mutet das Wartezimmer an, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Ist das ein Thema, das die Medizinethik beschäftigt?

Mark Schweda: Es ist auf jeden Fall ein sehr schönes Beispiel für die Bedeutung von Zeit für die Medizin. Im Wartezimmer merken wir: Medizinische Versorgung steht nicht für uns alle jederzeit und unmittelbar zur Verfügung. Die Ressourcen sind personell, finanziell und eben auch zeitlich begrenzt. Wartezeiten spielen darum schon in der alltäglichen Versorgung häufig eine Rolle. Wenn dann jemand, der eigentlich später kam, trotzdem vor uns drankommt, sind wir schon mittendrin in Gerechtigkeitsdiskussionen. Vergleichbares gilt zum Beispiel auch bei Wartelisten für eine Organspende oder den kontroversen Debatten, die wir um die Triage mit Blick auf Beatmungsplätze in der COVID-19-Pandemie geführt haben: Wer sollte zuerst eine möglicherweise lebensrettende Behandlung erhalten? Wie können wir den Zugang zu knappen Ressourcen sinnvoll und gerecht gestalten?

Lena Stange: Zeit kann über Genesung, Lebensqualität, Kosten und am Ende über Leben und Tod entscheiden. Wer medizinische Versorgung verstehen will, muss auch verstehen, welche Bedeutung Zeit in diesem Kontext hat. Wer wieviel Zeit bekommt, ist dabei eine der zentralen Fragen. 

Wie sieht es aus mit der Zeit der Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten – oder besser gesagt: der Zeitnot?

Schweda: Der strukturell bedingte Zeitmangel von Pflegenden und ärztlichem Personal begegnet uns natürlich immer wieder. Studien zeigen, dass die Patientin oder der Patient in der Sprechstunde oft schon nach wenigen Sekunden das erste Mal unterbrochen wird. Gespräche finden oft unter großer Zeitknappheit statt. Und in der Pflege gibt es den Begriff „missed care“, der notwendige pflegerische Maßnahmen beschreibt, die aus Zeitmangel nicht oder nicht vollständig erbracht werden. Das hat nicht nur Folgen für die Qualität der Versorgung, sondern wirft auch ethische Fragen auf bezüglich des Wohlergehens von Patientinnen und Patienten.

Gibt es überhaupt ein Thema in der Medizin, bei dem Zeit nicht eine besondere Rolle spielt?

Stange: Zeit ist keine universelle Konstante, aber eigentlich immer eine relevante Dimension. Das heißt zum Beispiel, dass wir jede medizinische Entscheidung auch mit Blick auf unsere eigene Vergangenheit und Zukunft treffen. Nicht immer ist die Zeit ein kritischer Faktor. Es gibt genauso natürlich auch medizinische Entscheidungen, die Patientinnen und Patienten ohne Zeitdruck in aller Ruhe fällen können, weil sie sich – beispielsweise im Falle von chronischen Erkrankungen – mit langfristigen Perspektiven auseinandersetzen.

Schweda: Das Interessante ist: Obwohl Zeit in der Medizin auf die eine oder andere Weise eigentlich immer eine wichtige Rolle spielt, kommt sie in der medizinethischen Fachdiskussion bisher kaum vor. In der Medizinethik fragen wir uns häufig, ob ein bestimmtes Vorgehen grundsätzlich und im Allgemeinen gerecht oder moralisch vertretbar ist. Aber die Abhängigkeit dieser Beurteilung von der Zeit findet dabei wenig Beachtung. Dabei ist es wichtig, zum Beispiel auch zu berücksichtigen, in welcher Lebensphase eine Person ist oder welche Auswirkungen unsere medizinischen Entwicklungen und Entscheidungen für nachfolgende Generationen haben. Auch deshalb wollen wir uns mit diesem lange vernachlässigten Thema auf der Fachtagung der Akademie für Ethik in der Medizin auseinandersetzen. 

Nicht zuletzt durch die Forschung in der DFG-Forschungsgruppe „Medizin und die Zeitstruktur guten Lebens“ beschäftigen Sie sich in Oldenburg intensiv mit diesem Zusammenhang. Worauf freuen Sie sich bei der Jahrestagung besonders?

Schweda: Das sind insbesondere Fragen zur Bedeutung intergenerationeller Beziehungen im Gesundheitswesen. Welche Rolle spielt es in Medizin oder Pflege, dass Menschen mit ihrer eigenen begrenzten Lebenszeit zugleich in generationenübergreifende zeitliche Zusammenhänge eingebettet sind? Was verdanken wir in der Medizin zum Beispiel der Mitwirkung vergangener Generationen an medizinischer Forschung und inwiefern erlegt uns das selbst eine moralische Verantwortung auf, nun unsererseits etwas beizutragen? Wie stellen wir sicher, dass die medizinische und pflegerische Versorgung, die wir heue bekommen können, auch künftigen Generationen noch zur Verfügung steht? Das sind elementare Fragen, die erst allmählich Beachtung finden.

Wie trägt das Wissen über den Einfluss der Zeit dazu bei, dass medizinische Versorgung besser wird?

Schweda: Es ist wichtig, die Zeit als eine ganz entscheidende Dimension bei medizinethischen Betrachtungen stärker zu berücksichtigen. Das macht die Medizinethik besser, und bessere Medizinethik bedeutet auch, dass wir die Medizin selbst besser begleiten und unterstützen können – sei es in den klinischen Ethikkomitees der hiesigen Krankenhäuser oder in der ethischen Politikberatung, zum Beispiel in Ethikgremien der Länder oder des Bundes. Außerdem beteiligen wir uns an der Ausbildung angehender Ärztinnen und Ärzte – zum Beispiel, indem wir darauf hinwirken, dass sie Patientinnen und Patienten nicht nach ein paar Sekunden schon unterbrechen, sondern sich mehr Zeit nehmen und erfahren, was sie für eine gute Behandlung wissen müssen.

Stange: Die Perspektive Zeit kann uns außerdem helfen, Ungerechtigkeiten in der Gesundheitsversorgung zu entdecken – etwa dort, wo Menschen durch zu lange Wartezeiten, zeitraubende Bürokratie oder Altersgrenzen schlechteren Zugang zu Versorgungsangeboten haben als andere.

Welche Rolle spielt der Lebenszeitpunkt für die Frage, was medizinisch angemessen ist – und wie können sich solche Vorstellungen im Laufe eines Lebens verändern?

Schweda: Das große Versprechen der modernen Medizin ist es, Zeit beherrschbar zu machen oder uns sogar Zeit zu schenken. In der Folge diskutieren wir nun zum Beispiel in der Reproduktionsmedizin, in welchem Lebensalter der Einsatz neuer Fortpflanzungstechnologien angemessen ist oder nicht. Oder nehmen wir lebensverlängernde Maßnahmen in der Intensivmedizin: Am Ende ihres Lebens werden viele Menschen heute überbehandelt. Das heißt, sie bekommen Behandlungen, die eigentlich gar nicht mehr sinnvoll oder sogar schädlich sind. Bei der konkreten Einschätzung macht es allerdings einen großen Unterschied, ob wir es mit einem Kleinkind, einer Jugendlichen, jemandem im mittleren Erwachsenenalter oder einer hochbetagten Person zu tun haben. Der Zeitpunkt im Lebensverlauf, in dem sich eine medizinische Frage stellt, ist von entscheidender Bedeutung. 

Stange: Schließlich verändern sich im Laufe eines Lebens viele Faktoren – nicht nur die eigene körperliche Konstitution, sondern auch eigene Vorstellungen davon, wie man leben möchte. Denken Sie zum Beispiel an die Gestaltung des Lebensendes: Wer sich mit Patientenverfügungen auseinandersetzt, macht sich Gedanken darüber, was ihm in einer Situation, in der er selbst nicht entscheiden kann, wichtig ist – und das kann sich im Laufe eines Lebens immer wieder verändern.

Interview: Sonja Niemann

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