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Predigt Appelrath

Universitätspredigt von Prof. Dr. Dr. h.c. H.-Jürgen Appelrath

St. Lamberti-Kirche Oldenburg
2. Februar 2014 (4. Sonntag nach Epiphanias)

Lesung des Evangeliums (zugleich Predigttext): Matthäus 14,22-33

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! Und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her!

Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Predigt

„Und das soll ich glauben? Das geht doch gar nicht, dass dieser Petrus übers Wasser läuft.“

So habe ich nach meiner Erinnerung als Kind reagiert, liebe Lamberti-Gemeinde, als ich das gerade verlesene Gleichnis hörte. Ich hörte solche Geschichten von Wundern Jesu häufig, denn ich war damals auf einer katholischen Volksschule mit vier Jahren Unterricht gleich in zwei Religionsfächern: Biblische Geschichte und Katechismus.

Und ab dem 8. Lebensjahr zusätzlich als Messdiener im Dauereinsatz. Da gab es jährlich die Geschichte von den ängstlichen Jüngern auf dem See Genezareth mit dem in der vierten Nachtwache als Gespenst auftauchenden Jesus.

Die Evangelisten – wie Matthäus im heutigen Predigttext – mussten eine bildhafte Sprache und Beispiele aus der Alltagswelt der Menschen vor 2000 Jahren wählen, um ihnen Christi Botschaft verständlich zu machen. Es entstanden Geschichten von Wundern, vor allem Geschenkwunder, Heilungswunder und Rettungswunder.

Ein Geschenkwunder ist z.B. die Wandlung von Wasser zu Wein auf der Hochzeit von Kana, und eines findet sich auch im Matthäus-Evangelium unmittelbar vor dem heutigen Predigttext: Die wundersame Vermehrung zur Speisung der 5.000, als Jesus aus nur fünf Broten und zwei Fischen so viel Nahrung „quasi hervorzaubert“, dass alle satt werden und zum Schluss noch Essensreste in zwölf Körben übrig bleiben. Auch dies konnte ich als Kind nicht glauben, weil es bei der Verteilung von Kuchen im sechsköpfigen Haushalt eher Knappheitsprobleme und keine wundersame Vermehrung gab.
Beeindruckend waren stets die spektakulären Heilungswunder, wenn Jesus Blinde, Gelähmte oder Taubstumme heilt. Oder sogar Tote wieder erweckt. Aber nicht leicht verständlich, insbesondere für Kinder, wenn gerade überraschend ein naher Verwandter gestorben ist und der Wunsch nach dessen Rückkehr ins Leben mit der Hoffnung auf Jesu Allmacht verbunden wird, aber unerhört bleibt.

Die heute vorgetragene Rettung des sinkenden Petrus gehört zur Gattung der Rettungswunder, für mich damals eines der unverständlichsten Wunder. Dies mag auch daran gelegen haben, dass ich bis zu meinem 13. Lebensjahr nicht richtig schwimmen konnte. Ich war froh, auf kurzen Strecken den Kopf mühsam über Wasser zu halten.

Wie sollte da jemand wie Petrus aus diesem bodenlosen Nass aufstehen und übers Wasser gehen können? Unvorstellbar und unglaubwürdig.
Erst später wurde mir klar, was Ihnen, liebe Gemeinde natürlich schon lange bewusst ist: Ich war noch nicht reif für den didaktischen Anspruch solcher Wunderbeschreibungen. Der zugrundeliegende Gleichnistext sollte das Gesagte mit etwas Gemeintem verbinden. Den Evangelisten wie Matthäus ging es darum, einen abstrakten Begriff – wie hier den Begriff des Vertrauens – in Form einer bildhaften Darstellung zu veranschaulichen.
Für ein Kind im Grundschulalter wohl eine Überforderung, zu unterscheiden zwischen der Ebene des Gesagten – hier das Überwassenlaufen von Petrus und seine Angst vor dem Versinken – und der Ebene des Gemeinten – hier dem Vertrauen auf Jesus. In Gegensatz zur Parabel wird zwar im Gleichnis auch schon das Gemeinte konkret erwähnt, aber ich war wie andere Kinder viel zu sehr mit dem oberflächlichen Bild von Sturm, Wellen, Nacht und Gespenst beschäftigt.

Später wurde mir natürlich zunehmend rational klar, dass die vielen gehörten Wunder so nicht möglich waren. Einerseits eine Bestätigung für den eigenen intellektuellen Reifeprozess. Denn Rationalität nimmt zu, wenn man auf dem Gymnasium im naturwissenschaftlichen Unterricht und im späteren Studium physikalische Gesetze, mathematische Theorien und auch computergestützte Modellbildungen und Simulationen lernt. Man erkennt, dass Gravitationskraft, Naturgesetze und gesicherte Theorien nicht verträglich sind mit Überwasserlaufen, Broten und Fischen, die vom Himmel fallen, und dem Verwandeln von Wasser in Wein.

Dieses Erkennen wurde deutlich verstärkt durch kritisches Beobachten der Amtskirche und löste bei mir als jungem Erwachsenen eine Autoritätskrise aus – mit Zweifeln an den zuvor unfehlbar scheinenden kirchlichen Akteuren und ihrer inszenierten Religiosität.

Die Zweifel verflogen später in dem Maße, in dem ich verstand, was mit dem Evangelium gemeint war, und nicht bei dem stehen blieb, was von wem wie gesagt wurde: Vertrauen auf Gott, was mich zur 2. Betrachtungsebene des heutigen Predigttextes führt.

Die von Matthäus erzählte Geschichte legt nahe, dass Jesus diese nächtliche Szene bewusst inszeniert hat, um die Jünger auf Vertrauens- und Glaubenskurs zu bringen. Sie bietet eine Metapher für unseren Glauben. Im Vertrauen auf Gott dürfen wir unser Leben gestalten. Wir können losgehen und Dinge tun, die wir uns zunächst nicht zutrauen. Gott spricht zu uns wie Jesus zu Petrus: „Komm her. Du kannst das und Du schaffst das.“ Solange wir vertrauen, können wir nicht versinken. Und wenn, dann nicht tiefer als in Gottes Hand.

Aber Gott überfordert unseren Glauben nicht, er versteht unsere Zweifel. Wie Jesus, als Petrus seinen Mut verliert und Angst hat vor Sturm, Wellen und tiefem Meeresgrund. Und dann beginnt zu sinken, weil er Jesus nicht mehr vertraut. Da ruft Petrus verzweifelt: „Herr hilf mir.“ Und Jesus? Er ist nicht nachtragend oder gar beleidigt und verweigert Hilfe. Nein, er streckt sogleich seine Hand aus, ergreift Petrus und spricht gutmütig und verständnisvoll zu ihm: „Du Kleingläubiger, warum hast Du gezweifelt?“
Wir alle kennen diese Situationen und Lebensphasen der Kleingläubigkeit.

Wenn wir bei großen privaten und beruflichen Problemen oder bei schwerer, gar unheilbarer Krankheit Ängste haben und Zweifel spüren. Dann wird unser Vertrauen auf Gott belastet. Es ist ein Stresstest für unseren Glauben, wenn wir um Hilfe rufen, erst recht, wenn der Ruf nicht erhört wird. Und wenn wir „Warum-Fragen“ stellen und nicht nur zweifeln, sondern verzweifeln. Dann stellen wir letztlich existentielle, nie ganz und nur individuell beantwortbare Fragen nach dem ewigen Leben und nach der – was immer das sein mag – Gerechtigkeit im endlichen irdischen Leben.

Wer dann noch glaubt oder neuen Glauben findet, erhält ein großes Geschenk. Dieses Geschenk kann man nicht bestellen oder gar erzwingen. Und wer es empfängt, sollte dankbar sein, aber auch anderen Menschen Raum lassen für ihren, möglicherweise anderen Glauben oder auch dafür, nicht zu glauben.

Der Glaube im Predigttext bezieht sich auf das Vertrauen zu Jesus. Dass er dem zweifelnden Petrus hilft, halten wir für selbstverständlich, das gehört sich einfach so. Und solche Hilfsbereitschaft zeichnet hoffentlich auch Christen aus, die Jesu Botschaft folgen wollen. 

Was aber verbindet jeder Einzelne von uns, liebe Gemeinde, mit Helfen und Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen? Oder passt Gottvertrauen nicht zum Vertrauen unter Menschen? Ich denke schon, denn jeder von uns kann Aspekte wie Vertrauen-Gewinnen, Urvertrauen, Vertrauensverlust sowohl auf sein Verhältnis zu Gott, vor allem aber auf viele Beziehungen im privaten, familiären, freundschaftlich verbundenen, beruflichen und öffentlichen Lebensumfeld beziehen.

Gott selbst fordert uns zu diesem zwischenmenschlichen Vertrauen auf, er möchte nicht Mittelpunkt sternförmig nur auf ihn gerichteter, bilateraler Erwartungen sein, nach dem Motto: „Der Herr wird’s richten, wenn wir allein das menschliche Jammertal durchschreiten oder durchschritten haben.“ Nein, das ist nicht Gottes Vorstellung und auch nicht unsere, wenn wir gemeinsam singen: „Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit.“ Und später dann: „Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.“ Also nicht erst im Jenseits, im Leben nach dem Tod, sondern schon im Diesseitigen als Christen, die sich vertrauen und hoffentlich auch anderen trauen. Und die mit ihrem Zutrauen in eine bessere Welt, in Nächstenliebe und Frieden andere anstecken.

Der Wert jeder Religion und jeder Weltanschauung darf sich eben nicht erst im Jenseits beweisen, sondern ihre Menschenfreundlichkeit muss sich schon auf Erden zeigen.

Ich möchte auf die dritte Betrachtungsebene in meiner Predigt übergehen, auf der ich zu Fragen des Vertrauens den beruflichen Blickwinkel eines Wissenschaftlers, bei mir des Informatikers, einnehme und mit einigen Überlegungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Glaube verbinde.

Die Informatik, in der ich seit nunmehr 40 Jahren wissenschaftlich zuhause bin, beschäftigt sich mit der systematischen, automatisierten Verarbeitung von Informationen mit Hilfe von Rechnern. Die Informatik – sehr reduziert formuliert – konstruiert Maschinen und Softwareprogramme, die selbständig Daten übertragen, speichern und durch Software automatisch verarbeiten. Ergebnisse der Informatik in Form von IT-Produkten und -Services durchdringen immer mehr, mitunter auch beängstigend, unseren beruflichen und privaten Alltag.

Wir vertrauen Informations- und Kommunikationstechnologien immer mehr – nehmen wir nur Alltagsszenarien wie Navisysteme in Autos, die Informationssuche im World Wide Web oder die Steuerung komplexer Systeme z.B. in Energieversorgung, Gesundheitswesen oder Verkehr. Dabei geht es häufig um virtuelle Welten, um Modelle von Ausschnitten unserer Realität im Rechner und um ihre Nutzung für menschliche oder sogar selbst schon wieder maschinell, d.h. automatisiert getroffene Entscheidungen.
Wem vertrauen wir in einem Flugzeug? Der Kompetenz und Erfahrung eines menschlichen Piloten? Oder der Software, die Daten unzähliger Sensoren und Aktoren zusammenführt und selbständig Manöver nahelegt oder sogar ohne menschliches Zutun durchführt? Wahrscheinlich beiden, aber in welchem Rollenverständnis?

Solche und andere faszinierende Leistungen der Informatik werfen Vertrauensfragen auf. Wo liegen Grenzen vertrauenswürdiger Software? Sind in Programme transformierte Modelle, denen wir Entscheidungen anvertrauen, vollständig? Können sie überhaupt vollständig sein? Reicht bei aller analytischer Sorgfalt unsere Vorstellungskraft des Möglichen oder versagt sie etwa bei komplexen Modellen großtechnischer Anlagen? 
Wie sicher dürfen wir sein, dass keine Situationen eintreten, die unvorstellbar schienen, sich aber im Nachhinein als geradezu zwangsläufige Folge eingetretener Ereignisse herausstellen und den zuvor aufgestellten Vollständigkeitsanspruch entlarven? Und dann Vertrauenskrisen auslösen, die wiederum eine nicht vertretbare gesellschaftliche und vor allem ökonomisch gefährliche Technikfeindlichkeit befördern können. Hier helfen nur wechselseitiger Respekt vor unterschiedlichen Standpunkten und ein wissenschaftlich redlicher Diskurs.

Die Informatik und benachbarte Disziplinen stoßen auch in Grenzbereiche vor, die man über lange Zeit hinweg ausschließlich Menschen mit ihrer Kognition und ihren kaum erklärbaren Fähigkeiten und Emotionen vorbehalten glaubte. Forschungsrichtungen wie Künstliche Intelligenz und Neuroinformatik sind nur zwei Beispiele, die versuchen in diese Grenzbereiche einzudringen.

Manche ihrer Vorreiter erliegen mitunter der Gefahr, durch die gewählte Sprache und die angestrebten Forschungsergebnisse immer neues, kaum begrenztes Erkennen und Erklären unserer Welt zu versprechen oder zumindest in Aussicht zu stellen.

Vertrauen wir diesen Modellen und ihren Modellbildnern? Wo liegen Grenzen der Modellierbarkeit von Technischem, Virtuellem und Emotionalem? Sind – passend zu dieser kirchlichen Umgebung – sensible christliche, aber letztlich diffuse Begriffe wie Glaube, Hoffnung und Liebe beschreib- und erklärbar?
Dieses Wandern zwischen den angedeuteten Welten der Informatik und ihrer Grenzbereiche ist für mich eine spannende Herausforderung. Das Verbinden beruflicher Profession mit dem Streben nach Erkenntnisfortschritt und möglichst vollständiger und widerspruchsfreier Beschreibung auf der einen Seite und der ganz persönlichen Demut mit dem Respektieren von Grenzen eigenen Erkennens und Erklärenkönnens auf der anderen Seite.
„Scio nescio – ich weiß, dass ich nichts weiß“, diese Bescheidenheit des intellektuell ja nicht gerade benachteiligten Sokrates sollte „Allwissenheitsansprüche und Allerklärungsphantasien“ der Wissenschaft und ihrer Akteure immer wieder zügeln. Das leitet sich für mich ab aus dem Respekt vor der „Faszination Natur“, die ich trotz Evolutionstheorie und immer neuer Erkenntnisse letztlich als Gottes Schöpfung verstehe.
Natürlich mit Respekt vor Menschen, die das nicht so sehen können oder wollen. Da habe ich nichts Missionarisches.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Faust in Goethes Tragödie suchen nach dem, was die Welt im Innersten zusammen hält. Doch auch Faust erkennt seine Grenzen. Er habe – wie wir alle sicher noch mit Gründgens Stimme im Ohr haben – Philosophie, Juristerei, Medizin und – pardon, wenn ich dies gerade hier in einer Kirche zitiere – leider auch Theologie studiert.

Als armer Tor so klug wie zuvor nutzen ihm die Titel Magister und Doktor nichts und er klagt: „Und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen.“ Zwar – so sagt Faust – sei er „gescheiter als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und“ – man höre – „Pfaffen.“ Aber letztlich habe er das enge Wissenschaftsgebäude resigniert verlassen und sich der Magie ergeben.

Die Magie führt bei Faust bzw. Goethe aber nicht zur Religion oder in die Kirche, sondern mehr zu Wein, Gesang und natürlich auch zu Gretchen. Und Gretchens Frage „Nun sag, wie hast du`s mit der Religion?“ weicht, wie wir wissen, Faust ja dann auch aus.

Rund 200 Jahre nach Goethes Faust fragt das Magazin „Der Spiegel“ in seiner vorweihnachtlichen Titelgeschichte vom 21. Dezember „Zwischen Magie und Religion – Woran glaubt der Mensch?“. Der überraschte Leser erfährt zunächst, dass 54 Prozent der Westdeutschen und 23 Prozent der Ostdeutschen an so etwas wie Gott, Gottheiten oder Göttliches glaubt. Spezifischer zu unserem heutigen Predigttext passt die zitierte Umfrage, dass 52 Prozent der Befragten überzeugt sind, dass es Wunder gibt. Und auf sich selbst bezogen glauben immerhin 24 Prozent auch an das Wunder der eigenen Wiedergeburt.

Eine zentrale These aus den im „Spiegel“ zitierten Ergebnissen von Religionsforschern, Kirchenhistorikern und Psychologen besagt, dass Menschen von Natur aus empfänglich seien für Magie und Übersinnliches. Silvester schenken wir uns Glücksschweinchen und Schornsteinfeger, und bei wichtigen Ereignissen klopfen wir dreimal auf Holz oder drücken die Daumen. Und einige lassen sogar ihr Auto segnen in der Hoffnung, das Unfallrisiko dadurch zu senken. Wissenschaftlich belegen lassen sich Erfolge unseres Aberglaubens nicht, aber sie geben vielen Halt und Hoffnung.
Der Mensch glaubt eben gerne an das, was ihm dabei hilft, Unwägbarkeiten des Lebens besser zu ertragen.

Mit Blick auf Folgen für die Religiosität als Fähigkeit des Glaubens wird in vom Spiegel zitierten Untersuchungen festgestellt, dass selbst Atheisten Furcht vor höheren Mächten haben. Aber die Kirchen hätten nichts davon, ihre gottesdienstlichen Rituale seien zu kalt und zu abstrakt.
Offenbar sind Magie und Aberglaube – pointiert und etwas resignierend festgestellt – der zunehmende Glaube für die Ungläubigen, während parallel die konfessionellen Bindungen wie auch der Kirchenbesuch weiter abnehmen. Kirchliche Rituale und Glaube scheinen den meisten zu kompliziert und zu wenig anschaulich und emotional.
Was tun? Mehr Magie, Emotionen und gar Angstmachen in die Kirche bringen? Mir wird unwohl bei der Vorstellung des Rückfalls in Sprache und Bilder von Wundern, Todsünde, Strafen, jüngstem Gericht und Kopfüberstürzen in Fegefeuer und Hölle mit weit aufgerissenen Augen und Todesängsten. Solche Bilder haben mich als Kind belastet und von der Kirche, wenn auch nie ganz von Gott entfernt. Erst nach langer Unterbrechung habe ich dann den Weg in die Ansgari-Gemeinde Eversten gefunden und bin dankbar dafür.

Passen wir bitte gemeinsam auf, dass Glaube nicht mit Angst und Irrationalem, sondern mit Freude, Hoffnung und Vertrauen auf Gott verbunden wird.

Aber passen wir auch auf, dass Kirche und Wissenschaft trotz Rationalität, technischer Fortschritte und immer neuer Erkenntnisse genug Raum lassen für Bilder, für Emotionales, für Wundersames und für Unerklärliches, das uns gleichwohl Mut macht und auf einer höheren Ebene vertrauen lässt.
Behalten wir daher unsere kindliche Naivität und ein wenig Wunderglaube – wie beim Betrachten der weihnachtlichen Krippe, weil wir der Botschaft von Jesu Geburt vertrauen. Behalten wir unsere Sensibilität für wundervolle, magische Augenblicke – wie bei Händels „Halleluja“, bei dem der Heilige Geist durchs Mittelschiff zu schweben scheint. Und behalten wir bei allem Vertrauen in wissenschaftlichen Fortschritt unsere Demut vor dem letztlich nicht Erklärbaren und Gottes fürsorglicher Hand.

Zum Schluss zurück an den Anfang: Als Kind habe ich beim übers Wasser laufenden Petrus die Frage „Und das soll ich glauben?“ verneint. Heute weiß ich mehr, und trotzdem sage ich nun: „Ja, ich glaube, oder besser, verstehe dieses Bild, weil ich die dahinter liegende Botschaft verstehe“. 
Ich bin wie viele von ihnen dankbar für das große Geschenk, Gott vertrauen und an ihn mit Freude und Zuversicht glauben zu können. Auch wenn uns mitunter Zweifel einholen und mutlos machen.

Ich möchte deshalb schließen mit einer Fürbitte für uns, liebe Lamberti-Gemeinde: „Herr, Du kennst unseren Kleinmut und unser Verzagen in Stürmen unseres Lebens. Leid und Schmerz, Not und Kummer lassen uns immer wieder zweifeln an Dir. Wir bitten Dich: Gib uns Vertrauen, wenn wir uns ängstigen, und gib uns Geborgenheit, wenn es dunkel um uns wird.

Amen.

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