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Predigt Budde

Universitätspredigt von Prof. Dr.Gunilla Budde

Predigt am 12.1.2014
(1. Sonntag nach Epiphanias)
Das erste Gottesknechtslied, einer der großen Texte aus dem Alten Testament

Text Jesaja 42, Vers 1-4

Herzlich begrüße ich Sie an diesem 2. Sonntag des neuen Jahres, dem ersten Sonntag nach Epiphanias. Ich freue mich sehr, mit Ihnen diesen Gottesdienst feiern und mit ihm auch die Reihe der "Universitätspredigten" anlässlich des 40. Geburtstages unserer Carl von Ossietzky Universität eröffnen zu dürfen.

Der heutige Predigttext, das sogenannte „Gottesknechts-Lied“, führt uns in eine der dunkelsten Zeiten des jüdischen Volkes zurück. In das Jahr 540 vor der Geburt Jesu in Bethlehem. Ein Großteil der Israeliten befindet sich in Babylonischer Gefangenschaft. Sie fühlen sich heimatlos, ihrer Grundrechte enthoben. Dass ihr Funken Hoffnung ganz erlischt, scheint nur eine Frage der Zeit. Vielen scheint unter den neuen Machthabern das Rückgrat gebrochen, man fühlt sich verlassen, von Gott und der Welt. Auch wenn man sich im Leben in der Fremde mehr schlecht als recht eingerichtet hat, bleibt die Sehnsucht nach dem Verlorenen.

Dieses schmerzhafte Gefühl  des  aus der vertrauten Welt Herausgefallenseins, des Heimatverlustes und der Entwurzelung kannten nicht nur die Israeliten ein halbes Jahrhundert vor Christi. Es ist ein Gefühl, das Einzelne und Gemeinschaften in der Geschichte immer wieder traf und niederwarf.  Dass Menschen ihre Heimat, ob freiwillig oder unfreiwillig, verlassen mussten, gehört zu den Phänomenen, die wir zu allen Zeiten in der Geschichte und überall auf der Welt antreffen können – bis heute. Denken wir nur an die 2,3 Mill. Syrer, die seit dem Kriegsausbruch auf der Flucht sind. Ein Ende dieser Tragödie ist nicht in Sicht.

Als Historikerin des 19. und 20. Jahrhunderts weiß ich um die Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts, die Millionen Menschen aus allen europäischen Ländern aus religiösen, politischen und auch wirtschaftlichen Motiven bewogen, in der Neuen Welt ihr Glück zu suchen. Dabei lesen wir in ihren Briefen an die Familie zu Hause, dass viele ihr Glück nicht fanden, dass sie das Gefühl der Fremdheit in ihrem neuen Leben niemals verloren, dass ein wirkliches Ankommen nur selten gelang. Sei es, weil es Ihnen nicht leicht gemacht wurde, sei es, weil sie es sich selbst nicht leicht machten.

Wie viel schwerer musste es erst denen ergangen sein, die zur Flucht gezwungen und das Exil suchten, um zu überleben. Schauen wir auf ein Beispiel: Die 1906 geborene Philosophin Hannah Arendt, die als deutsche Jüdin während des Nationalsozialismus verfolgt wurde und nach einer Odyssee über Frankreich 1941gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Mutter in New York Zuflucht fand. Mit 50 Dollar in der Tasche wird der Familie ein möbliertes Zimmer in einem schäbigen Mietshaus mit Gemeinschaftsküche in der 95. Straße zugewiesen. Das Einleben fällt vor allem ihrem Mann Heinrich Blücher schwer. Zunächst weigert er sich standhaft, englisch zu lernen. Arendts Mutter verdient mit Handarbeiten ein Zubrot, Hannah selbst dagegen nutzt das Angebot einer Flüchtlings-Organisation, einige Wochen bei einer amerikanischen Familie in Winchester als eine Art Au-pair zu leben. Erwartet hatte sie, als Dienstmädchen ausgenutzt zu werden. Doch sie wird als willkommener Gast begrüßt, man schätzte die Gespräche mit der klugen jungen Frau aus Deutschland und bringt ihr Zuneigung entgegen. Eine erste gute Erfahrung in der neuen Welt. Eine Erfahrung, die ihrem Ankommen den Weg ebnete.

Und sie hörte nicht auf zu schreiben, obschon, wie sie später an ihren verehrten Lehrer, dem in Oldenburg geborenen und aufgewachsenen Karl Jaspers klagen sollte, das Schreiben in einer fremden Sprache das eigentliche Problem der Emigration bedeutete. Doch sie verfällt nicht eine verzweifelte Sprachlosigkeit, sondern meldet sich auch in der Neuen Heimat, die sie zunehmend schätzen lernt, zu Wort: Durchaus kritisch, aber auch befreit, endlich wieder offen schreiben zu dürfen, was sie denkt und fühlt.

Karl Jaspers ist begeistert vom Kampfgeist seiner ehemaligen Schülerin. Am 29. Oktober 1945, seinem ersten Brief an Hannah nach jahrelangem erzwungenen Schweigen, schreibt er: „Von Ihnen zu hören, von Ihnen Aufsätze zu lesen, denen man ganz zustimmte, das war schön. Oft hatten wir die Jahre mit Sorge an Ihr Schicksal gedacht und schon längst nicht mehr viel Hoffnung, daß Sie am Leben seien. Und nun dieses Wiedererscheinen nicht nur, sondern ein lebendiges geistiges Wirken aus der großen Welt! Sie haben, so scheint mir, unbeirrbar eine Substanz bewahrt, ob Sie in Königsberg, Heidelberg, Paris oder Amerika sind. Wer ein Mensch ist, muß das können. Diese Bewährungsprobe ist mir erspart geblieben.“ Doch auch Jaspers, der verheiratet mit einer Jüdin seine Lehrerlaubnis an der Universität Heidelberg verlor und ständig um sein Leben und das seiner Frau fürchten musste, begab sich in eine Art Emigration. Eine „innere Emigration“, die das Ehepaar überwintern half. Und, ähnlich wie Hannah, verlor er nicht die Hoffnung auf einen Neuanfang: „Wir wollen hier sehen, was im Chaos wieder aufzubauen ist. Wenn die große Weltgeschichte nicht einfach vernichtend über uns hingeht, habe ich Zuversicht. Junge Menschen sind noch da, brennend vor Eifer.“

Zuversicht und Hoffnung sind auch Hannahs Grundstimmungen: Entsprechend positiv fällt ihr Fazit aus: Am 29. Januar 1946 schreibt sie an Karl Jaspers: „Ich bin hier ziemlich bekannt und habe bei manchen Menschen in gewissen Fragen ein wenig Autorität; d.h. sie haben Vertrauen zu mir“. Das Vertrauen, das man ihr entgegenbringt, lässt die Heimatlose wieder nach vorne blicken. Und das Wissen, mit dem alten Freund und Lehrer wieder in Kontakt treten zu können, gibt ihr neue Kraft. Am 18. November 1945 schreibt sie: „Lieber, lieber Karl Jaspers, Seit ich weiß, daß Sie beide durch den ganzen Höllenspektakel heil durchgekommen sind, ist es mir wieder etwas heimatlicher in dieser Welt zumute. … Ich freue mich, daß Sie zuversichtlich sind.“

Woher nehmen beide ihre Zuversicht? Hannah Arendts Antwort lässt sich erahnen. 1958 erscheint ihr Werk „Vita activa oder vom tätigen Leben“. Es ist ein Aufruf zu aktiven gesellschaftlichen Mitgestaltung jedes einzelnen und gleichsam ein Fanal der Hoffnung. Hoffnung auf die Chance eines ständigen Neubeginns. Das 5. Kapitel schließt sie mit den Worten: „Daß man in der Welt Vertrauen haben und daß man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien `die frohe Botschaft` verkünden: `Uns ist ein Kind geboren.`“

Hannah Arendt und Karl Jaspers sind nur zwei Beispiele aus unserer Geschichte, die ungeachtet ihrer schmerzvollen Erfahrungen, nicht aufgaben, sich nicht knicken ließen, die weiter brannten – für ihre Ideen, für ihre Gesellschaft. Doch so stark wie wir sie im Nachhinein wahrnehmen: Auch sie werden immer wieder heimgesucht worden sein vom Gefühl der Verlassenheit, von Verzweiflung über das Verlorene. Von Jaspers weiss man, dass er stets zwei Zyankali-Kapseln bei sich trug, um notfalls gemeinsam mit seiner Frau Gertrud aus dem Leben zu scheiden. Selbstbestimmt, ehe es ihnen gewaltsam genommen werden konnte. Und Hannah Arendt trieb nicht zuletzt die Sehnsucht nach ihrem verehrten Lehrer Jaspers, weiter in seinem Sinne zu schreiben.

Die Chance des Neubeginns in der Verzweiflung: Das ist auch die Botschaft unseres heutigen Predigttextes. Ein Jubellied auf die Hoffnung. Eine Hymne auf den Mut zu neuen Wegen. Ein schöner Text für den Beginn eines neuen Jahres. Aber es birgt noch eine weitere, ganz entscheidende Botschaft: Der Hoffnungsträger, der von Gott Auserwählte hat seine ganz eigene Art des Auftretens. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. So großartig die Botschaft ist, die hier verkündet wird, so wenig großspurig tritt ihre Überbringer auf. Seine Gerechtigkeit kommt auf leisen Sohlen, er tritt sachte auf, er weiss um die hochsensible Befindlichkeit derjenigen, denen er in Gottes Auftrag zur Hilfe eilt. Der Erwählte des Herrn, hat eine Mission, die ihn stark macht. Aber er weiss auch, dass die, zu denen er kommt, erst wieder in ihrem Lebenswillen bestärkt werden müssen. Und: Er ist erfüllt und überzeugt von seiner Mission der Gerechtigkeit.

„Gerechtigkeit“ ist ein großes Wort. Ein Wort, das trotz allem Missbrauchs, das mit ihm in der Geschichte auch betrieben wurde, von seinem Glanz nichts verloren hat. Weltweit erscheint Gerechtigkeit als der Schlüssel zum Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung. Auch innenpolitisch hat die Frage der Gerechtigkeit hohe Priorität, vor allem im Umgang mit der wachsenden Armut, aber auch in der Bildungspolitik als die Frage nach der Verwirklichung von Chancengleichheit. Die Gerechtigkeit, die Jesaja verheisst und bejubelt, spiegelt sich im Auftreten ihres Überbringers. Sie kommt nicht, wie so häufig in der Geschichte im imperialistischen Gestus daher. Sie ist nicht rechthaberisch, sie ist nicht selbstgerecht. Vielmehr ist es eine Gerechtigkeit, die die Bedürftigkeit des anderen sieht und tut, was ihm nottut. Dieser Hoffnungsträger ist einer, der nicht daherkommt, wie die meisten selbsternannten Heilsbringer dieser Welt. Und dennoch Orientierung bietet und dafür sorgt, dass die, die bereits leiden, nicht untergehen. Er reisst das Ruder nicht brachial herum, er ist keine charismatische Führungspersönlichkeit mit verführerischer Rhetorik. Der Bote schreit nicht, er ist kein religiöser Gassenhauer, er braucht keine billigen Parolen, keine Gewalt, keine Mittel des vordergründigen Sieges. Ohne marktschreierische Attitüde weiss er aufzurichten, Ihm geht es darum, die Menschen mit Geduld für die Wahrheit zu gewinnen. Und er versteht es, sich in die hinzuversetzen, zu denen er kommt. Er sieht, er versteht ihre Verzagtheit. Doch er unterwirft sich dieser Verzagtheit nicht. Er geht behutsam ans Werk. Die Welt, in die er kommt, ist nicht heil, keiner ist perfekt. Seine Botschaft, so wunderbar sie ist, soll nicht erdrücken, soll nicht auferlegt werden, sondern den Menschen zum Wohl gereichen, sie zum Aufblicken, zum Weitermachen bringen. Es ist die Botschaft vom verlässlichen Recht auch und gerade für die Schwachen.

Gerecht sein im Sinn unseres heutigen Textes heisst somit, dem anderen gerecht zu werden. Dieses dem Anderen, seinem Gegenüber, seinen Mitmenschen gerecht werden, ist ein Lernprozess, der Geduld bedarf. Er beginnt mit Wahrnehmungen und Erfahrungen, mit dem Finden einer gemeinsamen Sprache. Es gelingt nur, so die Botschaft, unsere Mitmenschen aufzurichten, wenn wir ihnen mit wirklicher Sympathie entgegenkommen. Wenn wir uns hineinversetzen.

Ein Loblied der Sympathie, des behutsamen Miteinanders: Das ist die zweite zentrale Botschaft des Jesaja-Textes. Es ist kein oberflächliches Mitleid, das ihn treibt. Er macht das fremde Leiden zu dem eigenen, er lässt seine Mitmenschen sehr nahe kommen, er kommt ihnen sehr nahe und dieses gibt Kraft, die ansteckt. Diese Sympathie, diese Mit-Leiden, dieses Mit-Leben lässt ihn den richtigen Weg, die angemessenen Worte finden, macht in glaubwürdig, auch für die, die bereits ihren Glauben zu verlieren drohten. Sie brauchen einen Meister der leisen Töne, der auch Zuhören kann, der nicht nur redet, sondern das Gespräch sucht.

Das waren schon zur Zeit der babylionischen Gefangenschaft, erst Recht zur Zeit des Exils von Hannah Arendt aber auch heute noch eher ungewohnte Töne. Aus der Geschichte wissen wir: Je lauter die Verkündung, desto prekärer häufig die Botschaft. Doch auch heute noch, in unserer so mitteilsamen Welt mit ihren vielen Botschaften, die die Welt nicht braucht, werden im Lärm des Alltags die leisen Stimmen oft überhört. Werden diejenigen, die sich nicht prahlerisch hervortun, übersehen. Gottes Gerechtigkeit, dies sagt uns der Jesaja-Text, braucht dieses Spektakel nicht. Im Gegenteil: käme sie lautstark daher, würde sie ihr Ziel verfehlen, die Menschen wirklich zu gewinnen. Dieser Knecht Gottes nimmt Rücksicht, er achtet auch die noch immer für wert, die nach Maßstäben der Welt abgeschoben und ausgemustert sind, die sich selbst ins Abseits gebracht haben oder die man aus der Gesellschaft verdrängt hat. Sein empathisches Tun ist Spiegel für die Güte und Barmherzigkeit seiner Botschaft. Er gibt den Geknickten ihr Rückgrat und lässt den glimmenden Docht wieder Feuer fangen.

Es ist in der Theologie häufig spekuliert worden, wer mit diesem Knecht Gottes gemeint war: Der Sohn Gottes oder das Volk Israel selbst? Ich denke, unabhängig davon, verkündet der Text eine Botschaft, die wir alle, und gerade in der heutigen Zeit annehmen sollten: Die Botschaft, auch in verzweifelten Situationen die Hoffnung nicht aufzugeben, aufeinander zuzugehen und seinen Mitmenschen gerecht zu werden, umso der Gerechtigkeit den Weg zu bahnen. Unser heutiger Text ist ein Appell der gemeinsamen Hoffnung und des einfühlsamen Miteinanders. Ein Appell für Anerkennung und Achtung des Gegenübers. Es ist die Aufforderung, nicht nachzulassen im Bemühen um ein menschliches Zusammenleben. Gerade auch mit Menschen, die wir noch nicht kennen, die uns vielleicht fremd sind, die „anders“ sind. Oldenburg hat namentlich nach 1945 hier viel Erfahrung machen können. Und heute können wir sagen: Unsere Stadt und Region stünde nicht so großartig da, ohne die vielen, vielen Flüchtlinge, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat fanden. Ich war sehr beeindruckt, vor wenigen Monaten einige Schüler-Arbeiten aus Oldenburg und um zu lesen zu dürfen, die im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten entstanden waren. Dieser Wettbewerb, der sich an Schülerinnen und Schüler richtet findet seit 1975 alle 2 Jahre statt und steht immer unter einem speziellen Thema. Dieses Mal war es das Thema „Nachbarn“. Wie Fremde zu Freunden wurden. Und viele Schülerinnen und Schüler aus unserer Region haben sich eben das Thema des Zusammenlebens von alteingesessenen Oldenburgern und die Flüchtlingen gewählt. Sehr schön haben sie darin zeigen können, dass es zwar ein langsamer, auch nicht spannungsfreier, letztlich aber sehr guter Prozess des Aufeinander-Zugehens, die Zuhörens und des Zusammenfindens war.

Heute mehr denn je ist das Zusammenleben auch eine globale Herausforderung. „Die Inseln warten auf seine Weisung“, heisst es bei Jesaja. Das bedeutet, dass die Botschaft der Gerechtigkeit, des sich gegenseitig gerecht werden, bis in die letzten Winkel unserer Erde Geltung findet und dass wir alle die Verantwortung für das Gelingen tragen. Martin Luther King hat einmal von dem „großen Haus der Welt“ gesprochen, das wir geerbt haben und in dem wir zusammenleben. Die Wände dieses Hauses werden immer durchlässiger, die Wege zueinander immer kürzer. Das erleben wir überall. Auch auf dem Campus unserer Universität. Nicht nur eine Heimat zu haben, sich im Laufe des Lebens häufig neu zu orientieren, freiwillig oder unfreiwillig, ist eine Lebensherausforderung, die zunehmend zur Normalität wird. Unsere Studierenden auf eine Welt ohne Grenzen vorzubereiten und ihnen dies als Bereicherung zu vermitteln, ist die Bildungsaufgabe der Universität von heute. Die uralte Weisheit Jesajas des Hoffnungsmachens und einfühlsamen Miteinanders ist dabei aktueller und hilfreicher Wegweiser.

Amen!

Webmasterkung (inguterhvpc1nen4ygyt@tyfruo//wl.d8d6cre) (Stand: 07.11.2019)