1976 beschloss die Landesregierung einen drastischen Sparkurs. Der gefährdete die Existenz der jungen Uni Oldenburg. Wie da noch Gehör verschaffen? Rund 1.100 Uniangehörige protestierten mit einer Radtour bis nach Hannover.
„Wie ein mittelalterlicher Heerwurm“, so schreibt es damals die Süddeutsche Zeitung, zieht die Fahrraddemo am 14. Juni 1976 durch Nordwestdeutschland. „Vorneweg der ‚Medien-Bus‘, der in den Dörfern und Städten lautstark verkündet, worum es geht; dahinter die je nach Straßenlage bis acht Kilometer lange Heerschlange mit dem Rektor an der Spitze.“
Rund 1.100 Studierende, Lehrende und Universitätsmitarbeitende radeln von Oldenburg über Wildeshausen, Sulingen, Nienburg an der Weser, Wunstorf bis nach Hannover. Vier Tage lang sind sie unterwegs. Sie nächtigen in Zelten auf Campingplätzen, haben mobile Toilettenwagen, Pendlerverpflegung der Mensa und sogar ein Kino-Mobil für gesellige Abende und Infoveranstaltungen dabei. Am Ende haben sie rund 170 Kilometer zurückgelegt.
Es geht dabei nicht um Spaß. Der „Heerwurm“ will gegen den politisch beschlossenen Sparkurs protestieren – und das auf möglichst einprägsame Weise. Es geht um den Fortbestand der erst 1973 begründeten jungen Uni. Beim Radfahren in Kolonne verteilen die Radfahrenden Flugblätter, machen Durchsagen per Lautsprecher, platzieren Info-Stände auf öffentlichen Plätzen und organisieren Gesprächsrunden mit Menschen, die in den auf dem Weg liegenden Gemeinden leben.
„Diese Universität ist keine Universität mehr“
Als die CDU-Landesregierung Ende April 1976 die Finanzmittel für den Ausbau des niedersächsischen Hochschulwesens drastisch kürzt – von rund 1,6 Milliarden D-Mark auf 550 Millionen D-Mark, stellt sich Oldenburg auf das Schlimmste ein. Studierende fürchten Einschnitte in der Studienqualität. Statt der ursprünglich anvisierten 15.000 Studienplätze soll bei 5.700 Schluss sein. Zahlreiche Stellen für Lehrpersonal werden zusammengestrichen. Gebäude können nicht wie geplant gebaut werden: Unibibliothek, Mensa, Sportbereich, ein Campus für die gerade erst entstehenden Naturwissenschaften. „Diese Universität ist keine Universität mehr“, sagt der damalige Rektor Prof. Dr. Rainer Krüger nach der Sparplan-Verkündung.
Dabei plant die junge Uni Oldenburg zu dieser Zeit eigentlich, ihren Ausbau gezielt voranzutreiben. Die Leitung unter Krüger will neben der Lehrkräftebildung weitere Fachdisziplinen etablieren, insbesondere in den Naturwissenschaften. Mit einem starken Standbein in der Forschung soll langfristig der Nordwesten dabei unterstützt werden, aus seiner Strukturschwäche herauszufinden. Lehrende aus der Ökonomie und Raumplanung prognostizierten ursprünglich in einem Gutachten für die Zeit bis 1985, dass mit dem Ausbau rund 3.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Außerdem werden Aufträge der Hochschule für die regionale Wirtschaft im Umfang von 40 Millionen D-Mark und zusätzliche Einnahmen für Handel, Handwerk und den Dienstleistungssektor in Höhe von 140 Millionen D-Mark erwartet.
Studierende und Lehrende tun sich für Protest zusammen
Es steht also viel auf dem Spiel. Im Mai 1976 setzen sich Studierende, bekannt als unabhängige Projektinitiative PIN, aus anfänglicher Schockstarre heraus zum Ziel, Druck aufzubauen und damit die Landespolitik doch noch zum Umdenken zu bewegen. Daraufhin bildet sich ein Aktionsausschuss, dem neben der Uni-Leitung und Mitgliedern aller Statusgruppen auch Vertreterinnen und Vertreter des Personalrats beiwohnen.
„Man ist sich damals einig, dass die Landespolitik in Hannover nicht durch eine klassische Demo mit Anreise per Zug oder Auto zu beeindrucken ist“, sagt Dr. Gunnar Zimmermann, heutiger Leiter des Universitätsarchivs der Uni Oldenburg. Für einen Vortrag zur Fahrraddemo hat er Aufzeichnungen, Zeitzeugenberichte und Dokumente von damals gewälzt. „Der Zusammenschluss will ein Format finden, das sich auch in den Massenmedien niederschlägt und somit von der breiten Öffentlichkeit nicht zu übersehen ist.“ Rund 700 Studierende entscheiden schließlich bei einer Vollversammlung Ende Mai: Protestiert wird diesmal mit dem Rad.
Klare Organisation statt Chaos
Eine „Herkulesaufgabe“ ist die Organisation innerhalb von zwei Wochen. „Die Planung zeichnet sich als bemerkenswert zielorientiert, rational und erfinderisch aus“, betont Zimmermann. So kaufen die Organisatoren beispielsweise kurzerhand über 100 Vier-Personenzelte. An Etappenzielen in Schulen, Kirchen und Sporthallen zu übernachten, lässt sich nur mancherorts organisieren, große Zelte sind wegen der Schützenfestsaison vergriffen. Gelder werden eingetrieben, etwa mithilfe von Spenden von Lehrenden und einem Zuschuss der Stadt. Um nach außen nicht als Chaostrupp zu erscheinen, erhalten alle Teilnehmenden Merkblätter mit festen Benimmregeln, die für alle gelten, während sie sich im Sattel befinden. Die Räder sollen beispielsweise verkehrstauglich sein, Rauchen ist wegen möglicher Böschungsbrände tabu, Fahren im Pulk nicht erlaubt.
Bemerkenswert ist, dass die Teilnehmenden sich dazu entschieden haben, nicht einfach nur herumzufahren und aus dem Elfenbeinturm heraus über das Leid an der Uni zu klagen.
Dr. Gunnar Zimmermann; Leiter des Universitätsarchivs
Vom 13. bis 16. Juni rollen die rund 1.100 Radfahrenden schließlich gemeinsam durch Niedersachsen. Nach abschließender Kundgebung auf dem Klagesmarkt in Hannover geht es mit einem Sonderzug der Deutschen Bahn zurück nach Oldenburg. „Bemerkenswert ist, dass die Teilnehmenden sich dazu entschieden haben, nicht einfach nur herumzufahren und aus dem Elfenbeinturm heraus über das Leid an der Uni zu klagen“, erläutert Zimmermann. Stattdessen habe es auf dem Weg Richtung Hannover gezielt Gespräche mit Gemeindevertreter*innen, Schülerschaft, örtlicher Bevölkerung gegeben, um sich darüber auszutauschen, welche positiven Effekte das Fortbestehen und das Wachstum einer Uni auch für die Region bedeutet.
Landesregierung zieht Sparkurs zurück
Letztlich führte dieser außergewöhnlich kreative Protest von 1976 zum Erfolg. Noch im selben Jahr, Anfang Oktober, nimmt die Landesregierung weite Teile der Sparvorgaben zurück. „Die Fahrraddemo der Oldenburger hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass viele in Niedersachsen auf das Problem überhaupt erst aufmerksam geworden sind und die Landesregierung den Entschluss zu Kürzungen noch einmal überdacht hat“, sagt Zimmermann.
Die Uni entwickelte sich seitdem zu einer festen Größe im Nordwesten. Heute bietet sie ein breites Spektrum an Studiengängen aus diversen Fachdisziplinen – und steht mit nunmehr drei Exzellenzclustern für Spitzenforschung auf höchstem nationalen wie internationalem Niveau.