Kontakt

Presse & Kommunikation

+49 (0) 441 798-5446

Über

Yulia Golub ist Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Oldenburg. Sie leitet außerdem die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum Oldenburg. Sie forscht unter anderem zu Traumafolge- und Suchtstörungen im Jugendalter. 

Kontakt

Prof. Dr. Dr. Yulia Golub

Department für Humanmedizin

Universitätsklinik für Kinder-  und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

+49 (0)441 403-10061

  • Porträtbild von Yulia Golub. Sie hat halblange dunkle Haare und trägt ein blaues Oberteil.

    Yulia Golub hat sich bereits während der Cannabis-Legalisierungsdebatte mehrfach kritisch zu Wort gemeldet. Nach der Gesetzesänderung fordert sie nun Präventionsmaßnahmen, die suchtgefährdete Jugendliche schützen.

„Die Wahrnehmung von Cannabis hat sich massiv verändert“

Nach der Legalisierung: Die Oldenburger Kinder- und Jugendpsychiaterin Yulia Golub fordert gemeinsam mit anderen Forschenden Präventionsmaßnahmen, die gefährdete Gruppen – insbesondere Jugendliche – auch wirklich erreichen.

Nach der Legalisierung: Die Oldenburger Kinder- und Jugendpsychiaterin Yulia Golub fordert gemeinsam mit anderen Forschenden Präventionsmaßnahmen, die gefährdete Gruppen – insbesondere Jugendliche – auch wirklich erreichen.

Seit rund eineinhalb Jahren dürfen Erwachsene Cannabis besitzen und konsumieren. Auf Kinder und Jugendliche bezieht sich die Legalisierung natürlich nicht – hat sie trotzdem auch hier einen Effekt? 

Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man es fast kurios finden: Während wir für Erwachsene Regeln zur Legalisierung schaffen, beziehen die Jugendlichen, die wir eigentlich schützen sollten, Cannabis weiterhin im illegalen Straßenhandel. Trotzdem hat sich mit der Gesetzesänderung auch für sie grundlegend etwas verändert – das bemerken wir hier in der Klinik deutlich.

Was beobachten Sie? 

Wenn wir unsere Patientinnen und Patienten fragen, hören wir immer häufiger: ,Nein, ich nehme keine Drogen. Ich konsumiere nur Cannabis.‘ Das war früher noch anders. Die Wahrnehmung hat sich also massiv verändert. Cannabis ist in den Augen von Jugendlichen zu einer harmlosen Substanz geworden. Früher haben wir mit ihnen darüber diskutiert, dass bei uns in der Klinik das Rauchen von Tabak verboten ist, auch wenn sie es zu Hause tun. Jetzt führen wir diese Gespräche über Cannabis.

Das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg hat kürzlich erste Zahlen zum veränderten Konsumverhalten nach der Legalisierung veröffentlicht. Die Zahl der Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren, die Cannabis konsumieren, ist demnach nicht gestiegen, sondern liegt weiter bei 7,9 Prozent.

Andere Studien legen andere Schlüsse nah: Laut Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, die sich auf den Zeitraum von 2015 bis 2025 bezieht, konsumierte bei den 18- bis 25-jährigen Männern fast jeder Dritte im zurückliegenden Jahr – statt wie vor zehn Jahren noch jeder Fünfte. Der Anteil der Frauen, die im zurückliegenden Jahr Cannabis konsumiert haben, hat sich in dieser Altersklasse fast verdoppelt – auf 18,5 Prozent. Und bei Jugendlichen in Kanada, wo Cannabis seit 2018 legal ist, ist der Konsum um 26 Prozent gestiegen. 

Warum ist der Konsum von Cannabis gefährlich für Jugendliche und junge Erwachsene? 

Das Gehirn entwickelt sich noch bis etwa zum 27. Lebensjahr: Die weiße Substanz im Gehirn breitet sich aus und schafft Kommunikationswege zwischen verschiedenen Hirnregionen, während die graue Substanz etwas abnimmt. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass Cannabis diese Entwicklung beeinflusst. Selbst nach 14 Tagen Abstinenz unterscheiden sich die Aktivierungsmuster im Gehirn eines chronischen Cannabiskonsumenten von denen, die nicht konsumieren – insbesondere bei den langen Verbindungsbahnen zwischen den Hirnregionen. Im Alltag äußert sich das durch Einbußen beim Gedächtnis, bei der Aufmerksamkeit und der Impulskontrolle – also all dem, was man zum Beispiel für schulischen Erfolg benötigt.

Kann sich das Gehirn davon auch wieder erholen?

Genau das wollen wir demnächst in einer Studie untersuchen, die wir gerade ausarbeiten. Dazu rekrutieren wir chronisch kiffende junge Erwachsene, die an etwa fünf Tagen pro Woche mindestens ein Gramm konsumieren und damit aufhören wollen. Wir unterstützen sie dabei und schauen uns über mehrere Wochen an, ob sich ihre Aufmerksamkeit und ihr Gedächtnis von den durch Cannabis verursachten Einbußen erholt.

Ist Cannabis gefährlicher als Alkohol oder Tabak?

Vor allen Dingen ist die Wirkung von Cannabis für viele Menschen unbekannter als die von Alkohol und Tabak. Meistens wissen alle, wenn jemand im Familien- oder Freundeskreis Alkoholprobleme hat, weil die Anzeichen dafür bekannt sind. Bei allen Problemen, die es mit Alkohol in unserer Gesellschaft gibt, herrscht also ein entsprechendes Bewusstsein für die damit verbundenen Gefahren. Als Ärztin treffe ich daher häufiger Eltern, die vom ersten Vollrausch ihrer Kinder durch Alkohol auf einer Party alarmierter sind als Eltern, die es mitbekommen, dass ihr Kind anfängt, Cannabis zu konsumieren. Das fällt meist erst auf, wenn es zu einem riesigen Problem herangewachsen ist und die Kinder zum Beispiel nicht mehr zur Schule gehen, weil sie morgens nicht aus dem Bett kommen. Ob aus gelegentlichem Konsum eine problematische Sucht wird, hängt wie auch beim Alkohol von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Wenn alles andere im Leben gut läuft – das Verhältnis zu Familie und Freunden und der Alltag in der Schule – ist das Risiko einer behandlungsbedürftigen Abhängigkeit geringer.

Welches Therapieangebot können abhängige Jugendliche in Anspruch nehmen? 

Für junge Menschen gibt es gerade mal etwa 220 Betten in kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken zur spezialisierten Behandlung von Suchterkrankungen – deutschlandweit.  Für Erwachsene steht zusätzlich ein umfassendes Rehabilitationssystem zur Behandlung von Suchterkrankungen zur Verfügung. Bei Jugendlichen ist dies jedoch nicht der Fall – es gibt nur eine Handvoll spezialisierter Rehabilitationseinrichtungen für Minderjährige, die nach einem qualifizierten Entzug aufgenommen werden können. Jugendliche erhalten viel weniger Hilfe als Erwachsene, weil die entsprechenden Rehaeinrichtungen der Rentenversicherungsträger für sie nicht zugänglich sind. Auch ambulante Angebote für Jugendliche sind deutlich weniger verbreitet. Die Eltern können mit ihrem Kind zur Drogenberatungsstelle gehen – aber auch dort richten sich Gruppentherapien fast immer an Erwachsene.

Wie sieht das Angebot in Oldenburg aus?

An unserer Uniklinik haben wir eine Suchtambulanz für Minderjährige. Außerdem haben wir kürzlich vom Niedersächsischen Gesundheitsministerium die Genehmigung für zehn stationäre Behandlungsplätze erhalten. Diese Plätze sind speziell für Jugendliche vorgesehen, die an Suchterkrankungen in Kombination mit weiteren psychischen Störungen leiden. Die entsprechenden Räumlichkeiten für die neuen Behandlungsplätze werden derzeit ausgebaut.

Sie haben mit Kollegen vom Universitätsklinikum Ulm kürzlich in einem großen Artikel in der FAZ fehlende Präventionsmaßnahmen kritisiert. Warum?

Aus meiner ärztlichen Sicht heraus war ich immer eine Legalisierungsgegnerin und dementsprechend ernüchtert, als die Gesetzesänderung in Kraft trat. Mit meinem Kollegen Jörg Fegert vom Universitätsklinikum Ulm, der in Deutschland federführend im Bereich Kinderschutz ist, hatten wir eine Diskussion dazu, wie dringend nach der Cannabislegalisierung die vulnerablen Gruppen zu schützen sind – und wie wenig dafür aktuell in Deutschland getan wird. 

Dabei haben Sie natürlich Jugendliche im Blick. Wie kann man sie besser adressieren? 

Nicht für jeden Jugendlichen wird der gelegentliche Kontakt mit Cannabis zum Problem. Man muss sich also fragen: Wer ist suchtgefährdet? Das sind vor allem Jugendliche, die psychisch erkrankt sind, wenig Ressourcen haben oder unter institutionellen Rahmenbedingungen aufwachsen. Sie gelten als besonders vulnerabel. Auch minderjährige, unbegleitete Geflüchtete, die in Wohngruppen leben, in denen das Kiffen weit verbreitet ist, stellen eine eigene Risikogruppe dar. Jugendliche, deren Eltern sich – aus ganz verschiedenen Gründen – nicht immer mit größter Aufmerksamkeit um sie kümmern können, sind gefährdeter als andere. Die Liste ließe sich fortführen. Statt für die Masse sollte der Staat mit aller Kraft selektive Angebote gezielt für diese Gruppen schaffen. Das könnte zum Beispiel Hendrik Streeck als neuer Bundesbeauftragte für Sucht und Drogenfragen anstoßen. 

Eine der Zielgruppen sind schwangere Frauen. Warum?

In einer amerikanischen Studie mit fast 100.000 Frauen gaben 6,8 Prozent an, Cannabis zu konsumieren – bezogen auf das erste Trimester der Schwangerschaft waren es sogar 10,1 Prozent. Aber kaum jemand spricht darüber, welche Folgen Cannabis in der Schwangerschaft für das Kind haben kann. Dass Alkohol das Schlimmste für das Ungeborene ist, wissen inzwischen fast alle. Aber auch Cannabis gelangt über die Plazenta oder die Muttermilch in den Organismus des Kindes und kann emotionale und psychomotorische Entwicklungsstörungen verursachen. Kinder von Konsumentinnen kommen häufiger zu früh oder mit einem zu geringen Gewicht zur Welt und haben ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen. Gleichzeitig sind schwangere Frauen – auch sehr junge – aber unglaublich stark, wenn es darum geht, ihren Lebensstil für das Kind zu verändern. Das können wir nutzen, indem wir sie gut aufklären und unterstützen – vor und nach der Geburt.

Interview: Sonja Niemann
 

Das könnte Sie auch interessieren:

Die Humangenetiker Hitz und Dombrowsky am Sequenziergerät im Klinikum Oldenburg.
Universitätsmedizin Top-Thema

Forschende entschlüsseln „Fingerabdruck“ eines Gendefekts

Häufig bleibt die genaue Ursache für einen angeborenen Herzfehler unklar. Oldenburger Humangenetiker haben jetzt ein Verfahren vorgestellt, mit dem…

mehr: Forschende entschlüsseln „Fingerabdruck“ eines Gendefekts
Ein wenige Monate altes Kind trägt eine Kappe mit mehreren Leuchtdioden.
Universitätsmedizin Top-Thema Humanmedizin

1.000 Tage, auf die es ankommt

Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt können die Hirnfunktionen von Kindern nachhaltig schädigen. Die Suche nach…

mehr: 1.000 Tage, auf die es ankommt
Interviewsituation am Tisch im Büro vor einem Bücherregal mit Kollmeier, Thiel und Interviewerin.
Exzellenzstrategie Universitätsmedizin Hörforschung

Hearing4all: Sprecherwechsel nach 13 Jahren

Am 1. Januar startet der Cluster Hearing4all in seine dritte Förderperiode – mit einem neuen Gesicht an der Spitze. Birger Kollmeier und seine…

mehr: Hearing4all: Sprecherwechsel nach 13 Jahren
(Stand: 10.02.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p82n12908
Zum Seitananfang scrollen Scroll to the top of the page