Ich komme aus Brasilien und habe in São Paulo auf dem Gebiet der Gefäßbiologie promoviert. Seit fünf Jahren forsche ich als Kardiologin an der Uni Oldenburg, seit 2020 bin ich Postdoc an der Universitätsklinik für Innere Medizin, seit 2024 leite die experimentelle Kardiologie. Jetzt habe ich Verantwortung für ein ganzes Labor, für ein Team, für Studierende.
Wir entwickeln mithilfe von 3D-Technologie sogenannte bioresorbierbare Gewebegerüste. Unser Ziel ist es, damit die Heilung des Endothels in den Koronarterien nach einem Herzinfarkt zu beschleunigen. Das Besondere: Die Gerüste bestehen aus Polymeren, lösen sich nach wenigen Monaten im Körper auf und beschleunigen die Erholung des Gefäßes – im Gegensatz zu herkömmlichen Stents aus Metall, die ehemals verstopfte Gefäße ohne medizinische Notwendigkeit über mehrere Jahre offenhalten. Das Thema interessiert mich sehr und ich weiß, wie man das Ganze wissenschaftlich angeht.
Ich wusste aber nicht, wie das akademische System in Deutschland funktioniert, wie relevant beispielsweise eine Habilitation für den beruflichen Aufstieg ist. Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich habe auch keine Ausbildung darin, Menschen zu führen oder zu leiten. Das Programm „Progressio“ hat mir dabei geholfen, meine Fähigkeiten in diesen Bereichen auszubauen. Es hat mir die Möglichkeit gegeben, in Ruhe darüber nachzudenken, wie ich mir meine wissenschaftliche Karriere vorstelle. Im regulären Berufsalltag ist für solche Reflexionen wenig Raum – zwischen Experimenten, Lehre und Besprechungen.
In den Workshops konnte ich meine Kompetenzen in Kommunikation und Konfliktmanagement erweitern. Ich konnte herausfinden, welcher Führungsstil zu mir passt. Auch meine Mentorin war in diesem Prozess sehr wichtig. Ich habe mich mit ihr über das Jahr hinweg mehrfach getroffen, auch nach dem Auslaufen des Programms halten wir Kontakt. Sie ist objektiv, lässt mich aber auch an persönlichen Erfahrungen teilhaben, die zu ihrer heutigen Position geführt haben. Mir hat es sehr geholfen, von einer Frau in leitender Position aus und in Deutschland zu hören, dass der Weg dahin nicht immer einfach ist. Ich habe gemerkt: Viele Herausforderungen erlebe ich nicht nur deshalb, weil ich aus dem Ausland komme. Vieles hat leider auch damit zu tun, dass ich eine Frau bin.
Auch im Austausch mit den anderen Mentees wurde mir das vor Augen geführt. Wir haben ähnliche Themen, die uns beschäftigen. Die Mehrheit hat beispielsweise Familie und fragt sich regelmäßig: Wie lassen sich Erwerbsarbeit und Karriereambitionen vereinbaren mit Haushalt und Kinderbetreuung? Wie kann ich mich auf die Wissenschaft einlassen, wenn klar ist, dass es erst einmal keinen unbefristeten Vertrag gibt? Als ich nach Deutschland kam, mitten in der Coronazeit, da habe ich mich sehr isoliert gefühlt. Mittlerweile habe ich mir, auch dank „Progressio“, ein weites berufliches Netzwerk aufgebaut.
Ich kann mir vorstellen, länger in Oldenburg zu bleiben. In São Paulo, einer Stadt mit rund zwölf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, habe ich von Zuhause zur Arbeit mindestens zwei Stunden gebraucht. Hier ist alles viel ruhiger, mit kürzeren Wegen und viel Natur. Das passt gut zu meinem Leben als alleinerziehende Mutter. Ich habe auch das Gefühl, in der medizinisch-akademischen Welt in Deutschland bereits mehr Frauen in leitenden Positionen zu begegnen als in Brasilien. Das inspiriert mich.