Forschende aus ganz Europa treffen sich in Oldenburg bei der Konferenz „Tuning the Noisegate“. Wieso es sich lohnt, über Machtverhältnisse in der Popmusik zu sprechen, erklärt Veranstalterin und Organisatorin Susanne Binas-Preisendörfer im Interview.
Frau Binas-Preisendörfer, Sie lehren und forschen zum Zusammenhang von Musik und Medien und richten an der Uni Oldenburg eine Fachkonferenz mit dem Titel: „Tuning the Noisegate“ aus. Worum geht es?
Der Begriff „Noisegate“ stammt aus der analogen und digitalen Musikproduktion. Es handelt sich dabei um eine Methode, mit der ästhetisch unerwünschte Geräusche bei einer Audioproduktion unterdrückt werden. Dabei gehen allerdings auch reizvolle, spannungsreiche und einzigartige Momente der Klanggestaltung verloren, etwa Atemgeräusche beim Singen oder das Rutschen von Fingern über Gitarrensaiten. Klangelemente werden ausgeschlossen, stark angepasst, perfektioniert oder geglättet.
Bei der Konferenz und in Ihrer Forschung geht es aber um mehr.
Genau. Wir betrachten das „Noisegate“ als Metapher für ganz verschiedene Phänomene in der Popmusik. Immer wieder stellt sich die Frage, wer gehört wird, wer mitmachen darf oder wer gefördert wird. An diesen sinnbildlichen „Noisegates“ offenbaren sich Machtverhältnisse. Es geht um Entscheidungen zwischen Inklusion und Exklusion, Mainstream und Nische oder eben zwischen Krach und Stille. Wir fragen uns unter anderem, was dazu führt, dass bestimmte Klänge und Stimmen in der Popmusik nicht durchdringen und andere verstärkt werden – und wie man einem Ausschluss entgegenwirken könnte. Das Tuning hat aber durchaus auch eine positive Bedeutung, wenn Klänge ästhetisch attraktiver oder bisher marginalisierte Identitäten sichtbar gemacht werden.
Muss Musik nicht bereits bestimmten Rasterungen und Mustern entsprechen – etwa in Form, Sound oder Vermarktbarkeit –, um überhaupt eine Chance zu haben, durch diese „Noisegates” zu kommen? Es gibt doch bereits ästhetische und formale Erwartungen daran, was überhaupt als Popmusik gilt…
Ja, populäre Sounds, die Images von Künstler*innen oder die Kleiderordnungen in populären Kulturen leben von Standards und Stereotypen. Wiedererkennbarkeit und massenhafter Gebrauch bilden eine Voraussetzung für Popularität. Sie ist eben auch das Gegenteil vergeistigter Kontemplation, in der an intellektuellen Maßstäben geschultes Publikum Gefallen findet. Sie spielt im Alltag sehr vieler Menschen eine Rolle und wird gerade auch deshalb auf Märkten bewirtschaftet, also kapitalisiert. Neben der Wiedererkennbarkeit ist es auch das jeweils Besondere, die Ear- oder Eyecatcher, die unsere Aufmerksamkeit lenken.
Wo setzen Sie in Ihrer Forschung zum „Noise Gate“ in der Popmusik an?
Popmusik ist eingebunden in ein komplexes System kultureller und ökonomischer Verhältnisse. Sich die Mechanismen von Aufmerksamkeitsstrategien zu vergegenwärtigen, stellt eine wichtige Methode der Erforschung dar. Wir schauen insbesondere auf die Gatekeeper – also diejenigen, die als Filter oder Verstärker fungieren. Das kann eine Technologie, eine bestimmte Berufsgruppe oder eine Institution sein.
Haben Sie konkrete Beispiele vor Augen?
Denken Sie an die gegenwärtigen Ökonomien von Streamingplattformen und die Entwicklungen rund um KI. Algorithmen bestimmen dort, was gehört und was eher nicht gehört wird. Das Empfehlungswesen gestaltet unsere Playlists mit. Ein anderes Beispiel sind Booker, die das Line-Up für Konzerte und Festivals planen – weshalb Musiker*innen auf ihr Wohlwollen angewiesen sind. Auch ein Vertrag mit einem kommerziell arbeitenden Majorlabel, staatliche Kulturförderungen und sogar Arbeitsmaterialien für den schulischen Musikunterricht definieren, was an populärer Musik das Licht der Öffentlichkeit erblickt und filtern aus, was nach ihrem Dafürhalten nicht dazu gehört. Selbst der Türsteher ist fast im Wortsinne ein Gatekeeper. Er entscheidet darüber, wer in den Musikclub hineindarf und wer nicht.
Warum beschäftigen Sie und Ihre Kolleg*innen sich wissenschaftlich mit solchen popkulturellen Phänomenen?
Die Auseinandersetzung mit populärer Musik und Popkultur spielte lange Jahre in den Geistes- und Sozialwissenschaften keine Rolle. Anfang der 1990er Jahre gab es nur eine Professur für Populäre Musik im deutschsprachigen Raum. Mittlerweile sind es deutlich mehr, und die Kolleg*innen beschäftigen sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit diesem Thema. Ich finde das wichtig, denn wer sich mit Fragen der Popkultur auseinandersetzt, gewinnt auch sehr genaue Einblicke in unsere modernen Gesellschaften wie zum Beispiel digitale Medienkulturen und in die in ihnen wirksamen Machtverhältnisse. Auch am Institut für Musik an der Uni Oldenburg lege ich deshalb im Rahmen meiner Professur für „Musik und Medien“ einen Schwerpunkt auf diese spannenden Querverbindungen.