Studierende der Sonder- und Rehabilitationspädagogik bieten Kindern aus dem Stadtgebiet Oldenburg mit Förderbedarf eine individuelle Therapie an. Die Lernambulanz ELMO setzt dabei auf weit mehr als fehlerloses Lesen, Schreiben und Rechnen.
Jonas* (Name geändert) beugt sich über seinen Lernzettel. Um Wortbausteine – Wortstamm, Vorsilbe, Nachsilbe – dreht sich diese Förderstunde. „Ist alles verständlich?“, fragt Laura Erbes. „Du schaffst das, ich bin mir sicher.“ Die Studentin, drittes Semester im Studiengang „Rehabilitationspädagogik“, weiß, wie sie den Schüler motivieren kann. Jonas* hat eine diagnostizierte Rechtschreibstörung. Im regulären Schulunterricht fällt es ihm deutlich schwerer als anderen Kindern in der fünften Klasse, zu schreiben.
Seit einigen Monaten begleitet Erbes den Elfjährigen, in engem Austausch mit seinen Eltern und Lehrkräften an der Schule. Wöchentlich treffen sie sich für eine Dreiviertelstunde zur Lerntherapie auf dem Campus Haarentor. Das Ziel: kurzfristig Fortschritte beim Schreiben zu erzielen und langfristig Lernbarrieren abzubauen, damit Jonas wieder erfolgreich und mit Freude im schulischen Alltag bestehen kann. Die Lerntherapie ist konkret auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. Jonas lernt in eigenem Tempo, ohne Druck, spielerisch begleitet.
Lernambulanz ELMO: Für Kinder in Oldenburg
Die individuelle Lernförderung für Jonas ist angedockt an die universitäre Lernambulanz ELMO: Entwicklung, Lernen, Motivation. Bei einem Verdacht auf Lese-Rechtschreibstörung oder Dyskalkulie können Eltern ihre Kinder aus dem Stadtgebiet Oldenburg dort für eine Lerntherapie kostenlos anmelden – mit mindestens zehn Sitzungen. Die Kinder werden von Studierenden im letzten Jahr ihres Masterstudiums „Sonderpädagogik“ und „Rehabilitationspädagogik“ begleitet.
Die Lernambulanz ELMO gehört zum Inklusiven Kompetenzzentrum für gemeinsame, ganzheitliche Entwicklungsförderung im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, kurz KoggE. Dieses wird kooperativ von allen Fachrichtungen des Instituts für Sonder- und Rehabilitationspädagogik unterstützt und inhaltlich ausgestaltet. Als zentrale Einrichtung vereint es Angebote der angewandten Forschung, der praxisnahen Lehre sowie der Vernetzung in der Region.
Studien zeigen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche Probleme dabei haben, die Basiskompetenzen Lesen, Rechnen und Schreiben zu erlangen.
Prof. Dr. Clemens Hillenbrand; Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik
„Der Bedarf an solchen Angeboten ist groß“, sagt der Sonderpädagoge Prof. Dr. Clemens Hillenbrand, an dessen Fachbereich „Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen des Lernens“ am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik die Lernambulanz angesiedelt ist. Wer sich bei ihnen melde, müsse mit rund einem halben Jahr Wartezeit rechnen. „Studien zeigen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche Probleme dabei haben, die Basiskompetenzen Lesen, Rechnen und Schreiben zu erlangen“. Ein den Lernerfolg stark beeinträchtigender Faktor sei unter anderem, dass Kinder heutzutage insgesamt psychisch deutlich mehr belastet sind – beispielsweise durch Krisen wie Corona, Klimawandel, Kriege.
Eins-zu-Eins-Förderung als Schlüssel
„In Fortbildungen, die wir an Schulen geben, merken wir: Was als Lernförderung angeboten wird, ist zwar sehr engagiert, aber es fehlt oft eine evidenzbasierte, wissenschaftliche Ausrichtung“, berichtet Hillenbrand. „Unsere Lernambulanz kann einen kleinen Teil dazu beitragen, um den steigenden Bedarfen im Stadtgebiet Oldenburg gerecht zu werden.“ Grundsätzlich brauche es an Bildungseinrichtungen deutschlandweit mehr Ressourcen für individuell gestaltete Lerntherapien und auch eine professionellere Qualität.
„Wir wissen, dass es vor allem auf eine Eins-zu-Eins-Förderung ankommt“, ergänzt Alissa Schüürmann, ELMO-Koordinatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik. „Im regulären Schulalltag ist das aber oft nicht leistbar.“ Die über ELMO angebotene Lerntherapie könne da ergänzend eine Hilfe für Kinder mit Förderbedarf sein.
Dabei handelt es sich um mehr als reine Nachhilfe: Zwar geht es auch darum, weniger Fehler beim Schreiben, Lesen und Rechnen zu machen. Die Studierenden leisten aber auch einen Beitrag dazu, die Kinder wieder grundsätzlich zum Lernen zu motivieren. Die individuelle Gestaltung der Förderstunde ist laut Schüürmann zentral, eine emotionale und motivierende Verbindung zwischen Kind und Förderkraft ebenso. Auch mit individuell passenden Materialien könne die Motivation bei Kindern und Jugendlichen oft gesteigert werden: etwa Gesellschafts- und Lernspielen, tiptoi-Material, LÜK-Kästen und Bilderbüchern. Auch digitale Tools wie „Lesespiele mit Elfe und Mathis“ werden zur individuellen Leseförderung eingesetzt. „Meilensteine sind beispielsweise, wenn Kinder uns nach einer Weile berichten, ein ganzes Buch durchgelesen zu haben, aus Interesse. Oder sich getraut zu haben, im Unterricht etwas zu sagen.“
Studierende mit viel Praxiswissen
Auch die Studierenden profitieren von den Erfahrungen in der Lernambulanz. „Viele von ihnen nutzen die Erfahrungen aus der Lerntherapie für Forschungs- und Abschlussarbeiten“, betont Hillenbrand. „Durch die enge Verzahnung aus theoretischem Wissen und praktischer Erfahrung sind sie dann als angehende Lehr- und Förderkräfte sehr gut vorbereitet auf das Berufsleben.“
Insgesamt 85 Studierende der Sonder- und Rehabilitationspädagogik haben 67 Kinder seit dem Bestehen von ELMO im Jahr 2023 unterstützt. Das Begleiten über mehrere Sitzungen hinweg gehört für sie im letzten Studienjahr als Wahlpflichtmodul zum praktischen Teil des Masterstudiums. Vorab werden sie auf wissenschaftlicher Basis in den Bereichen Diagnostik, Förderung, Didaktik und Einzelfallhilfe vertieft geschult.
Die Studierenden begleiten auch die mehrstufige Diagnostik, die ein Kind durchläuft, bevor die Förderstunden losgehen: Mithilfe etablierter Tests erfassen sie gemeinsam mit der Ambulanz kooperierende Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen, wo genau Probleme und Schwierigkeiten bestehen. Sprache, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Konzentration und logisches Denken werden geprüft. Ebenso, welche Interessen das Kind hat.
„Stabile und vertrauensvolle Verbindung“
Zehn Sitzungen mit Jonas hat Laura Erbes bereits begleitet, zehn weitere folgen noch. Ein Test zur Abfrage von Schreibkompetenzen habe demonstriert, dass er in den Bereichen, in denen er vor der Therapie unterdurchschnittlich abgeschnitten hatte, nun im Normalbereich liegt. „Wir sind auf einem richtig guten Weg“, sagt Erbes.
Die Treffen mit ihm hätten ihr konkret vor Augen geführt, was theoretisch schon in den Uniseminaren vermittelt wurde: Die Förderung umfasse viel mehr als das reine Lernen von Schulstoff. „Wenn wir bei unseren Treffen eine stabile und vertrauensvolle Verbindung zueinander aufbauen können, sinkt bei Jonas die Angst, Fehler zu machen“, sagt die Studentin. Sie ist überzeugt: „Wenn sich Kinder sicher und angenommen fühlen, sind sie offener für Lernprozesse.“