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Abteilung für Ethik in der Medizin

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Prof. Dr. Mark Schweda leitet seit 2018 die Abteilung für Ethik in der Medizin am Department für Versorgungsforschung der Medizinischen Fakultät. In seiner Forschung beschäftigt ihn die Bedeutung der modernen Medizin und Technologie für unser Selbstverständnis und unsere Lebensentwürfe. Ein Schwerpunkt liegt auf Fragen des Lebensverlaufs, des Alterns und allgemein der menschlichen Zeitlichkeit.

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  • Wenn unser Gesundheitswesen an seine Grenzen kommt, hätte das Folgen für alle, die auf eine medizinische Versorgung angewiesen sind, so Medizinethiker Mark Schweda im Interview. Foto: iStock/ Goodboy Picture Company

  • "Ärztinnen und Ärzte nicht allein lassen": Medizinethiker Mark Schweda. Foto: Miriam Merkel

"Alle haben das gleiche Recht auf Leben"

Die Herausforderungen der aktuellen Pandemie seien "präzedenzlos", sagt Medizinethiker Mark Schweda. Im Interview spricht er über die knappe Ressource Intensivmedizin, das Vertrauen in den Nationalstaat und die Zeit nach dem Ausnahmezustand.

Die Herausforderungen der aktuellen Pandemie an Gesundheitswesen und Gesellschaft seien "präzedenzlos", sagt der Oldenburger Medizinethiker Mark Schweda. Im Interview spricht er über die knappe Ressource Intensivmedizin, das Vertrauen in den Nationalstaat und die Zeit nach dem Ausnahmezustand.

Um viele Entscheidungen, die in der Corona-Krise anstehen, sind etwa Politiker oder Mediziner in diesen Tagen nicht zu beneiden. Welche Erwägungen sollten im Vordergrund stehen, falls die Beatmungsplätze auch in deutschen Kliniken nicht ausreichen?

Zunächst einmal ist inständig zu hoffen, dass wir überhaupt nicht in die Situation kommen, entscheiden zu müssen, wer eine lebensnotwendige medizinische Maßnahme erhalten soll und wer nicht. Denn das ist vermutlich eine der moralisch schwierigsten Entscheidungen, vor die sich Ärztinnen und Ärzte überhaupt gestellt sehen können. Ihre Aufgabe ist es eigentlich, jeder und jedem einzelnen ihrer Patientinnen und Patienten die bestmögliche Behandlung zuteilwerden zu lassen. Falls die Lage sich allerdings tatsächlich soweit zuspitzen sollte, dass die Zahl der zu beatmenden Personen die der verfügbaren Beatmungsgeräte übersteigt, dürften wir uns auch nicht um die Entscheidung drücken, sondern müssten sie offen angehen.

Was erscheint Ihnen dabei wichtig?

Dass wir die Ärztinnen und Ärzte mit der Verantwortung für derart schwerwiegende Entscheidungen nicht einfach alleine lassen. Es muss klare und vertretbare Grundsätze und Maßstäbe dafür geben, wie in solchen tragischen Konfliktfällen vorzugehen ist. Dabei sollte auch sichergestellt sein, dass die Entscheidung nicht auf den Schultern einer einzelnen Ärztin oder eines einzelnen Arztes lasten würde, sondern dass mehrere beteiligte Personen sie gemeinsam treffen und verantworten könnten. Auch die Pflegenden wären dabei einzubeziehen. Und schließlich sollte es für ärztliches und pflegerisches Personal auch Möglichkeiten geben, über das zu sprechen, was sie da möglicherweise erleben und entscheiden müssten, damit sie selbst damit fertigwerden könnten.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI, hat Leitlinien entwickelt mit dem Ziel einer „gerechten Entscheidung“. Diese sehen eine Auswahl unter allen Patienten vor – unabhängig von ihrem Alter und dem Ort der Behandlung. So soll „möglichst vielen Patienten eine nutzbringende Teilhabe an der medizinischen Versorgung unter Krisenbedingungen“ zugutekommen. Der richtige Weg?

Absolut! Eine Auswahl von Patientinnen und Patienten nach bestimmten persönlichen Eigenschaften oder sozialen Gruppenzugehörigkeiten vorzunehmen wäre aus meiner Sicht ethisch nicht zu rechtfertigen. Das gilt ausdrücklich auch für das höhere Lebensalter, das gelegentlich als ein mögliches Ausschlusskriterium ins Spiel gebracht wird. Verfassungsrechtlich wären solche sozusagen personenbezogenen Kriterien ebenfalls kaum zu vertreten. Alle Menschen sind per se gleich viel wert und haben das gleiche Recht auf Leben.

Worauf liegt dann der Fokus?

Zentral sind die Erfolgsaussichten der intensivmedizinischen Behandlung. Es geht darum, in einem tragischen Konfliktfall einzuschätzen und abzuwägen, bei welchen kritisch kranken Patientinnen und Patienten der Einsatz der knappen Ressource eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit und eine bessere Gesamtprognose bedeuten würde. Im Übrigen möchte ich einen weiteren Punkt der Empfehlungen hervorheben, den ich für überaus wichtig halte: Diejenigen, die keine intensivmedizinische Behandlung (mehr) bekämen, wären keinesfalls im Stich zu lassen. Vielmehr hätten wir ihnen gegenüber die Pflicht, eine angemessene palliativmedizinische Versorgung sicherzustellen.

Momentan werden auch Corona-Patienten etwa aus Frankreich oder Italien in deutsche Krankenhäuser gebracht. Wenn die Fallzahlen hierzulande weiter ansteigen, gilt es wohl auch da abzuwägen. Wie sehen Sie die überwiegend nationalstaatlich geprägten Anstrengungen aus medizinethischer Perspektive?

Tatsächlich erscheint der Nationalstaat in der derzeitigen akuten Krisensituation vielfach immer noch als die vertrauenswürdigste und handlungsfähigste politische Instanz. Das gilt aus meiner Sicht gerade für unseren Staat, die Bundesrepublik Deutschland. Dass es darüber hinaus auch tätige Solidarität zwischen Nationalstaaten gibt, wir also etwa den derzeit sehr viel stärker betroffenen europäischen Nachbarn nach Möglichkeit helfen, ist natürlich eine gute Sache. Auch eine stärkere Abstimmung auf gesamteuropäischer und internationaler Ebene erscheint unbedingt erstrebenswert, erfordert aber deutlich mehr Zeit und Verständigungsaufwand. Um globalen Bedrohungen wie einer Pandemie wirkungsvoll zu begegnen, braucht es letztlich ein international abgestimmtes politisches Vorgehen. Allerdings sehen wir ja alle gerade selbst, wie außerordentlich schwierig sich das gestalten kann.

Und wenn wir über den Kreis der Corona-Erkrankten hinausblicken: Ist es grundsätzlich richtig, das Wohlergehen vieler anderer Patienten hintan zu stellen?

Es ist zu befürchten, dass die Anzahl lebensbedrohlich erkrankter Covid-19-Patienten in nächster Zeit sprunghaft anwächst, was unser Gesundheitswesen an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit bringen könnte. Das hätte letztlich für alle, die auf eine medizinische Versorgung angewiesen sind, beträchtliche Folgen. Deshalb erscheint es mir zunächst einmal grundsätzlich richtig, die vorhandenen Kapazitäten vorausschauend und verantwortungsvoll einzuteilen. Das bedeutet auch, genau zu prüfen, welche medizinischen Maßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt wirklich notwendig und dringlich sind. Die intensivmedizinische Versorgung lebensbedrohlich erkrankter Menschen hat dabei im Zweifel erstmal Vorrang. Sollten wir auch hier tatsächlich an Kapazitätsgrenzen stoßen, unterstreichen die Empfehlungen der DIVI, dass eine Priorisierung natürlich nicht nur die Covid-19-Erkrankten, sondern sämtliche intensivpflichten Patientinnen und Patienten einzubeziehen hätte. 

Auch andere gesundheitliche Folgen gilt es im Blick zu behalten – wie die von Experten prognostizierte frühere Sterblichkeit als Folge von Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt oder einen möglichen wirtschaftlichen Kollaps von Krankenhäusern. Welche Opfer sollte eine Gesellschaft bringen, um die Pandemie zu verlangsamen?

Die versorgungspraktischen, gesundheitspolitischen und gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen wir uns angesichts der Corona-Pandemie gegenwärtig konfrontiert sehen, erscheinen mir in der Geschichte der Bundesrepublik präzedenzlos. Dasselbe gilt für die teilweise ausgesprochen drastischen und weitreichenden Maßnahmen, die die Politik ergreift, um sie zu bewältigen. Zu ergänzen wären ja noch Eingriffe in individuelle Grund- und Freiheitsrechte. Dies alles kann nur eine unmittelbare, zeitlich begrenzte Reaktion auf eine zunächst für alle nach Art und Ausmaß schwer einschätzbare akute Gefährdungssituation sein.

Inzwischen kommt eine öffentliche Debatte über das „Danach“ in Gang. Berechtigterweise?

Mich hat in den zurückliegenden Wochen das umsichtige und verantwortungsvolle Handeln der deutschen Politik ebenso beeindruckt wie die spontane Solidarität und der soziale Zusammenhalt in der Gesellschaft. Dass nach dem ersten kollektiven Erschrecken inzwischen eine öffentliche Auseinandersetzung über den politischen Kurs, die mit ihm verbundenen Folgekosten sowie mögliche Exit-Strategien in Gang kommt, ist allerdings berechtigt und notwendig. Dass diese Auseinandersetzung kontrovers verläuft, kann kaum verwundern: Die erforderlichen Güterabwägungen sind äußerst komplex und die Lebenssituationen und Interessenlagen in unserer Gesellschaft nun einmal ungeheuer vielfältig. Auch der Deutsche Ethikrat fordert zu Recht, immer wieder zu prüfen, ob die ergriffenen Maßnahmen noch notwendig, angemessen und verhältnismäßig sind, um sie so bald wie möglich anzupassen und zurückzufahren. Wir alle brauchen eine Perspektive, die über den derzeitigen Ausnahmezustand hinausweist. 

Interview: Deike Stolz

Precidcss7m4+ae & wfpKommunikationt/o (proayb7esse@uol.de) (Stand: 25.05.2020)