Vom 20. bis 31. Oktober tagt im australischen Hobart die Internationale Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR). Zentrales Thema dort ist die künftige Regulierung der Krillfischerei. Im Vorfeld hat ein internationales Forschungsteam um Prof. Dr. Bettina Meyer, die als Professorin an der Universität Oldenburg und am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven forscht, ein neues Konzept für ein nachhaltiges Management vorgestellt. Ziel ist es, die Krillindustrie verstärkt in die Forschung einzubinden und so die Bestände für die Zukunft zu sichern. Eine entsprechende Studie ist im Fachmagazin „PNAS“ erschienen.
Krillschwärme im Südlichen Ozean bilden die zweite Stufe der antarktischen Nahrungspyramide nach dem pflanzlichen Plankton. Schrumpfen die Bestände durch zu intensive Fischerei, hat das unmittelbare und katastrophale Folgen für viele Tierarten, die fast ausschließlich Krill fressen. Mit geschätzten 300 bis 500 Millionen Tonnen Biomasse ist der Antarktische Krill die wohl häufigste mehrzellige Wildtierart weltweit.
Damit bildet er im antarktischen Nahrungsnetz die zentrale Verbindung zwischen der marinen Primärproduktion und vielen höheren Tieren, wie Robben, Fische, Pinguinen und Bartenwalen. Deren Bestand hängt direkt von der Stabilität der Krillbestände ab. Auch der Mensch hat sich in den vergangenen Jahren als zusätzlicher Konsument eingereiht. So wird antarktischer Krill in großen Mengen gezielt befischt und zu Futterpellets für die Aquakultur (Lachsfarmen, Shrimpzucht) sowie zu Nahrungsergänzungsmitteln (Omega-3-Fettsäure-Öl) verarbeitet.
Fischerei als Partner sehen
„Unser Monitoringkonzept liefert einen pragmatischen Umgang mit den Realitäten.“
Prof. Dr. Bettina Meyer; Studienautorin
Die CCAMLR regelt und kontrolliert die Krillfischerei im Südpolarmeer. Ab dem 20. Oktober startet im Hobart, Australien die jährliche Hauptversammlung dieser internationalen Kommission. „Im Vorfeld haben wir ein nachhaltiges Managementkonzept veröffentlicht, das die Fischereiaktivitäten mit einem engmaschigen wissenschaftlichen Monitoring verzahnt“, sagt Meyer. „Das derzeitige Management basiert auf historischen Fischereidaten und nur einer einzigen großflächigen Erhebung der Krillbiomasse aus dem Jahr 2000. Wenn wir die Krillbestände nachhaltig nutzen und gleichzeitig das Überleben von Pinguinen, Robben und Walen sichern wollen, müssen wir es dringend an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen und auf stärkere wissenschaftliche Füße stellen.“
In ihrem neuen Konzept setzt das Team um Meyer deshalb auf eine enge Einbindung der Fischereiindustrie. Diese soll weniger als Gegner und mehr als Partner gesehen werden. „Seit 2020 muss jedes Fischereiboot einen wissenschaftlichen Beobachter an Bord haben, der biologische Daten zum gefangenen Krill – etwa Länge, Geschlecht und Reifegrad – sammelt“, sagt die Expertin. „Diese Daten fließen aber nicht in das aktuelle Krill-Monitoring ein.“
Fischereiboote als Datenlieferanten
Deshalb schlagen die Forschenden vor, die Fischereiboote verstärkt als Forschungsplattform und kostenlosen Datenlieferanten zu nutzen. Neuerdings setzen einige Fischerboote Pumpsysteme statt Netze ein, mit denen der Krill an Bord transportiert wird. So ließen sich relativ einfach tägliche, hochaufgelöste Größenbestimmungen der Krebstiere vornehmen. Zusammen mit akustischen Daten von Echoloten, die Krillschwärme aufspüren, und protokollierten Sichtungen von Krillräubern wie Robben und Walen ergibt sich ein umfangreiches Bild der Krillpopulationen, das einzelne Forschungsschiffe so nicht erzeugen könnten. Damit dieser kostengünstige „Datenbeifang“ aus der Fischerei auch mit wissenschaftlichen Daten kombiniert werden kann, schlägt das Konzept einheitliche Protokolle für die Probennahme sowie regelmäßige Lehrgänge für Industrie und Forschung zur Datenerhebung vor.
Die Einbindung dieses Konzepts in eine neue Managementstrategie soll in diesem Jahr bei CCAMLR diskutiert und umgesetzt werden – wenn sich alle Mitglieder darauf einigen können, denn Anträge werden nur im Konsens umgesetzt. Wie wichtig das ist, zeigen aktuelle Fangquoten: Antarktischer Krill wird fast ausschließlich im atlantischen Sektor des Südlichen Ozeans (CCAMLR-Areal 48) gefischt. Die Aktivitäten konzentrieren sich dabei auf drei küstennahe Hauptfanggebiete: die Antarktische Halbinsel, die Südlichen Orkneyinseln und Südgeorgien. 2024 wurden rund 0,5 Millionen Tonnen Krill im Wert von bis zu 900 Millionen Dollar aus dem Meer geholt. Seit 1991 gilt für das gesamte Areal eine Fangquote von maximal 0,62 Millionen Tonnen. Um zu vermeiden, dass sich die Fischerei dabei zu stark auf ein Gebiet konzentriert, wird die Quote seit 2009 auf vier kleinere Subareale (48.1 bis 48.4) verteilt. So durften etwa im Teilgebiet 48.1 rund um die Antarktische Halbinsel lediglich 0,155 Millionen Tonnen Krill gefangen werden.
„Im vergangenen Jahr konnten sich die CCAMLR-Mitglieder trotz intensiver Diskussion nicht auf eine Fortsetzung dieser Regelung einigen“, erklärt Meyer. „Die Folge der fehlenden regionalen Beschränkung war, dass sich die gefischte Menge Krill im Teilgebiet 48.1 bis Juli dieses Jahres mehr als verdoppelte, auf fast 0,4 Millionen Tonnen und die maximal erlaubte Fangmenge im gesamten Fischereigebiet 48 erstmalig erreicht wurde.“ Welche Auswirkungen das für die Bestände in dieser ökologisch sensiblen Meeresregion nahe der antarktischen Halbinsel hat, ist unklar.
„Unser Monitoringkonzept liefert einen pragmatischen Umgang mit den Realitäten. Natürlich wäre es besser, wenn in der Antarktis überhaupt nicht gefischt würde“, sagt Meyer. „Da das aber angesichts der wirtschaftlichen Interessen einzelner CCAMLR-Staaten nicht umsetzbar ist, sollten wir gemeinsam an einem Strang ziehen.“ Eine Kooperation mit der Fischerei kann die verfügbaren wissenschaftlichen Daten vervielfachen und ein deutlich besseres Bild von der Populationsdynamik des antarktischen Krills zeichnen. „Wir können sensible Regionen wie Laichgebiete und Hotspots für Krill fressende Tiere identifizieren und schützen. Fangquoten, -gebiete und -zeiten können so geplant werden, dass die erlaubte Menge effizient gefischt werden kann und die Krillpopulation sowie das Ökosystem dabei nur minimal beeinträchtigt wird. Und durch eine finanzielle Beteiligung der Industrie können internationale Forschungsprogramme vor Kürzungen abgesichert und sogar erweitert werden.“
Der Text basiert auf einer Mitteilung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI).