Wie wirkt sich die Wiedereinführung von Grenzkontrollen auf die Haltung der Menschen in Grenzregionen aus? Das untersucht Hannah-Arendt-Fellow Marije Michel aus Groningen gemeinsam mit der Oldenburger Germanistin Juliana Goschler.
Wer die Grenze zwischen zwei Ländern überschreitet, behält manchmal eine besondere Erinnerung zurück – und sei es, weil nichts Ungewöhnliches passiert. So eine Geschichte kann Marije Michel erzählen: „Vor einigen Jahren wurde mir in Italien der Pass gestohlen“, berichtet die Professorin für Zweitsprachenerwerb von der Universität Groningen. „Bemerkenswert war, dass ich das Ersatzpapier, das ich bekommen hatte, auf der gesamten Rückreise durch die Schweiz und Deutschland in die Niederlande überhaupt nicht vorzeigen musste.“ Die Episode machte ihr bewusst, welch ein besonderes Privileg das freie Reisen innerhalb Europas ist.
Auch bei Juliana Goschler, Professorin für Deutsch als Fremdsprache / Deutsch als Zweitsprache am Institut für Germanistik, hat sich eine Grenzüberquerung ohne Hindernisse ins Gedächtnis eingeprägt. Um 1990, kurz nach der Wende, reiste die in der DDR aufgewachsene Sprachwissenschaftlerin mit ihrer Familie in die Niederlande. „Es war das erste Mal, dass ich eine Grenze erlebt habe, an der einfach nichts ist – keine Schlagbäume, keine Kontrollen“, erzählt sie, noch heute beeindruckt.
Inzwischen haben Grenzen innerhalb der EU wieder an Bedeutung gewonnen. Deutschland hat Kontrollen zu allen Nachbarländern eingeführt. Eine durchaus einschneidende Maßnahme – doch wie beeinflusst sie die Einstellung von Menschen in der deutsch-niederländischen Grenzregion zur jeweils anderen Sprache? Und wie wirkt sie sich auf ihre Haltung zueinander und zu demokratischen Werten aus? Diese Fragen treiben Michel und Goschler in ihrem aktuellen Forschungsprojekt „Bridges and Borders of Democracy“ um. Die Groninger Sprachdidaktikerin hat eins von zehn Hannah Arendt Fellowships des Niedersächsischen Wissenschaftsministeriums und der VolkswagenStiftung erhalten. Das Programm ermöglicht Gastaufenthalte von bis zu sechs Monaten an Forschungseinrichtungen in Niedersachsen. Das übergreifende Thema aller Projekte ist in diesem Jahr Demokratie.
Fremdsprachen eröffnen neue Perspektiven
Michels Bewerbung ist aus der engen Kooperation der Universitäten Oldenburg und Groningen erwachsen, für die es in den Sprachwissenschaften naturgemäß viele Anknüpfungspunkte gibt. Sie und Goschler bilden beide angehende Deutschlehrkräfte aus. Die Studierenden beider Hochschulen nehmen jedes Semester – jetzt schon zum zehnten Mal – an einem grenzüberschreitenden virtuellen Austausch teil. In ihrer Forschung beschränken sie sich nicht auf die Sprachdidaktik, sondern befassen sich auch mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Fremdsprachen, Sprachenlernen und dem Interesse für fremde Kulturen. So auch im aktuellen Projekt. „Nach teils 40 Jahren des freien Reisens haben die Grenzkontrollen mit Sicherheit einen großen Einfluss, speziell auf die Menschen in den Grenzregionen“, sagt Michel. Ihre Hypothese: „Die gefühlte Nähe zum Nachbarland geht verloren – und womöglich leidet das Verständnis grundlegender europäischer Prinzipien, auf denen unsere Demokratie beruht.“
Für sie liegt es auf der Hand, dass das Lernen von Fremdsprachen unerlässlich ist, um ein tieferes Verständnis für Menschen anderer Nationalitäten zu entwickeln. „Wer sich mit einer fremden Sprache und Kultur auseinandersetzt, gewinnt neue Perspektiven, auch auf die eigene Sprache und Kultur, und lässt andere Blickwinkel zu – das festigt auch demokratische Einstellungen“, betont Michel. Ihr eigener Lebensweg spiegelt diese offene Haltung wider: In der Schweiz mehrsprachig aufgewachsen, war die Niederländerin in ihrer akademischen Karriere bereits in Großbritannien und Deutschland tätig. Außer Niederländisch, Deutsch und Englisch spricht sie auch Italienisch, Französisch und Schweizerdeutsch. In Groningen ist sie für alle Spracherwerbskurse innerhalb des Studiengangs „European Languages and Cultures“ verantwortlich, in dem insgesamt acht europäische Sprachen zusammen mit der jeweiligen Kultur und Politik gelehrt werden.
Medien berichten über viele kleine Ärgernisse im Alltag
Um in ihrem Hannah-Arendt-Forschungsprojekt ein erstes Gefühl dafür zu bekommen, welche Auswirkungen die Grenzkontrollen auf die Menschen in der Region haben, führten Michel und Goschler zunächst eine Medienanalyse durch. Den ersten Ergebnissen zufolge tauchen in der Berichterstattung sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden vor allem zwei Folgen auf: Verkehrsbehinderungen und Nachteile für die Wirtschaft, etwa, dass Einkaufen oder Tanken jenseits der Grenze schwieriger geworden sind. Offenbar bringen die Kontrollen im Alltag viele kleine Ärgernisse für die Menschen in der Region mit sich. „Über das große Gut Europa wird medial hingegen kaum gesprochen“, so Goschler. Auch befassten sich nur wenige Berichte damit, ob die Grenzkontrollen „irreguläre Migration“ verhindern – was offiziell als Begründung für die Maßnahme gilt.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht interessant: Durch die Berichte könnten sich Wortkombinationen wie „Stau an der deutschen Grenze“ oder „deutsch“ in Verbindung mit „Polizeikontrolle“ verfestigen – und womöglich das Bild, das Niederländerinnen und Niederländer von Deutschland haben, eher negativ prägen.
Für den nächsten Teil der Studie suchen die Forscherinnen Personen, die regelmäßig zwischen Deutschland und den Niederlanden pendeln, um sie nach ihren Einstellungen und Erfahrungen zu befragen. Eine spannende Idee, die sie gerade diskutieren: Wie wäre es, Grenzerfahrungsgeschichten zu sammeln und zu analysieren? Lässt sich an diesen Erzählungen womöglich ablesen, wie sich das Verhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat? Goschler: „Vielleicht erfahren wir dann von Jüngeren auch, wie es ist, zum ersten Mal an einer Grenze kontrolliert worden zu sein.“