In Oldenburg können die Bürgerinnen und Bürger am 22. Februar darüber abstimmen, ob die städtische Baumschutzsatzung erhalten bleibt. Im Interview spricht der Geograph Thorsten Balke über die besondere Bedeutung, die Bäume für das Stadtklima haben.
Herr Balke, Sie sind Professor für Vegetationsökologie und Naturschutz. Welche Rolle spielen für Sie Bäume in der Stadt?
Eine ganz entscheidende, gerade mit Blick darauf, was uns im Zuge des Klimawandels bevorsteht. Wir erwarten bis zum Ende dieses Jahrhunderts, dass innerstädtische Hitzewellen im Vergleich zu heute um bis zu fünf Grad Celsius heißer werden. Dicht bebaute und versiegelte Flächen in Städten wie Straßen, Gebäude und Plätze erhitzen sich im Sommer, bilden Wärmeinseln und bieten zudem wenig Lebensräume etwa für Insekten und Vögel. Es wird wegen zunehmender Starkregen-Ereignisse auch häufiger zu Überflutungen kommen. Städtische Grünflächen und insbesondere große Stadtbäume helfen bei all diesen Problemen: Sie speichern Wasser, sodass dieses, wenn es verdunstet, der Luft Temperatur entzieht und so die Umgebung abkühlt. Stadtbäume bieten außerdem Futter und Nistplätze für Tiere, regulieren den städtischen Wasserhaushalt, reduzieren Lärm und binden Feinstaub. Sie sind gut für die körperliche und mentale Gesundheit der Stadtbewohnerinnen und -bewohner und helfen uns zudem beim Klimaschutz, indem sie Kohlenstoffdioxid speichern.
Warum sind gerade alte Bäume schützenswert?
Diese ökologischen Dienstleistungen, die Stadtbäume für uns erbringen, sind stark abhängig von mehreren Faktoren, zum Beispiel der Größe der Krone und der Anzahl der Blätter pro Bodenfläche. Die ist natürlich erheblich höher bei einer alten Buche als bei einem kleinen, jungen Baum. Wenn ein großer alleinstehender Baum einmal gefällt ist, dauert es auch bei einer Neupflanzung Jahrzehnte, bis die gleiche Blattfläche wieder erreicht ist.
Wie viele Bäume und Grünflächen braucht eine Stadt denn?
Studien zeigen, dass für einen durchschnittlichen Kühleffekt von einem Grad mindestens 15 Prozent der Stadtfläche mit Bäumen bedeckt sein muss. Bei 50 Prozent Baumfläche könnte sogar ein Kühleffekt von drei Grad erreicht werden. So oder so gilt: je mehr Stadtgrün, desto besser für Klima, Mensch und Natur. Wichtig ist dabei auch, dass die Bäume möglichst gut über das Stadtgebiet verteilt sind.
Wie sieht das in Oldenburg aus?
Oldenburg hat im internationalen Vergleich mit einem Anteil von rund 66 Prozent an der Stadtfläche zwar viele Grünflächen, diese sind aber nicht gleichmäßig verteilt. Besonders in der nördlichen Innenstadt gibt es nur wenige, die öffentlich zugänglich sind. Das hat auch der „Masterplan Stadtgrün“ der Stadt Oldenburg aufgezeigt. Vor allem bestehen auch nicht alle Grünflächen aus Baumflächen: Laut Daten der Europäischen Umweltagentur war der Oldenburger Baumbestand im Jahr 2018 mit rund 25 Prozent der Stadtfläche im nationalen Vergleich gar nicht so groß wie man vielleicht erwarten würde. Gemessen an diesem Anteil liegt Oldenburg damit im unteren Drittel der untersuchten deutschen Städte. Dieser Baumbestand Oldenburgs lässt im Sommer eine Kühlung von circa 1,5 Grad erwarten. Hier ist also noch deutlich Luft nach oben.
Sie differenzieren zwischen Grün- und Baumflächen. Warum?
Grünflächen sind zwar immer noch besser als versiegelte Flächen aus Beton, Stein oder Asphalt. Aber Bäume haben eine wesentlich stärkere Kühlungswirkung auf ihre Umgebung als Grasflächen. Ich mache mit meinen Studierenden im Sommer gerne Seminarbeiträge zum Thema Stadtgrün auf der Dobbenwiese. Dort merkt man im Sommer deutlich, wie stark auch Grünflächen ohne Baumbestand überhitzen können.
Inwiefern können kommunale Satzungen dazu beitragen, den Baumbestand vor Ort zu erhalten?
Aus Sicht der Umweltschutzforschung ist generell jeder Schutz von Stadtbäumen besser als keiner. Vieles hängt dann davon ab, wie man eine solche Satzung konkret ausgestaltet und umsetzt. In der Forschung gibt es meines Wissens noch keine klare Beweislage darüber, ob die Einführung einer Baumschutzsatzung hilft, den Baumbestand tatsächlich zu erhalten. Es gibt jedoch Anhaltspunkte dazu, dass dort, wo Baumschutzsatzungen wieder abgeschafft wurden, der Baumbestand zurückgegangen ist. Abgesehen davon ist es wichtig, zusätzlich positive Anreize zur Pflanzung und zum Erhalt von Stadtbäumen auf Privatgrundstücken zu schaffen – etwa durch Förderprogramme, von denen Grundstückseigentümerinnen und -eigentümer profitieren können, wenn sie zusätzliche Bäume pflanzen. Auch kann es helfen, niedrigschwellige Beratung anzubieten, Jungbäume gratis abzugeben oder weitere Laubbehälter an den Straßen aufzustellen, um es den Menschen zu erleichtern, Bäume zu erhalten und zu pflegen.
Welche Rolle spielen denn Bäume in Privatgärten für das Stadtklima?
Sie machen einen ganz erheblichen Anteil des Stadtgrüns aus, insbesondere in Oldenburg mit den zahlreichen Ein- und Zweifamilienhäusern. Hier kann jeder Eigentümer etwas zum Stadtklima, aber auch zum Hochwasser- und Naturschutz beitragen. Grundsätzlich gilt, so wenig Fläche wie möglich zu versiegeln, lieber Stauden und Gehölze als Rasenflächen anzulegen und eine Wiese auch mal wachsen zu lassen. Dabei sind weitere positive Effekte möglich und erstrebenswert – etwa, wenn man Obstbäume lokal anpflanzt und erntet. Die dadurch reduzierten durchschnittlichen „Foodmiles“– also die Strecke, die Nahrungsmittel bis zu den Endkonsumenten zurücklegen – sind ein gutes Beispiel für positive Synergieeffekte durch naturbasierte Lösungen in der Stadt.
Auch auf dem Gelände der beiden Campi der Uni befinden sich zahlreiche alte, schützenswerte Bäume...
…Und die Uni tut gut daran, ihren Bestand zu erhalten und neue Bäume für die zukünftigen Generationen standortgerecht zu pflanzen. Bäume in bebauten Bereichen können allerdings leicht in Stress geraten. Wenn beispielsweise Bauarbeiten anstehen, sollten einzelne Bäume vor Bodenverdichtung und direkten Schäden von Fahrzeugen geschützt werden. Ein Augenmerk sollte die Uni auch auf das Wassermanagement legen, denn die meisten Baumarten mögen keine „nassen Füße“. Und auch speziell jetzt, im Winter, muss man Bäume schützen, zum Beispiel vor Streusalz.
Interview: Henning Kulbarsch