Zwei neue Forschungsprojekte an der Universität befassen sich mit digitalen Monopolen und ihrem Einfluss auf die Demokratie. Beide werden von der VolkswagenStiftung gefördert.
Technische Infrastrukturen wie Cloud‑Plattformen, KI‑Chatbots oder soziale Netzwerke durchdringen unseren Alltag – während die Kontrolle über diese einflussreichen Infrastrukturen bei wenigen, vor allem in den USA angesiedelten Konzernen liegt. „Der Aufstieg dieser neuartigen Machtformen ist eng mit der tiefen Krise der Demokratie verbunden, die wir gerade erleben“, erklärt Prof. Dr. Anna-Verena Nosthoff, Juniorprofessorin für Ethik der Digitalisierung an der Uni Oldenburg.
Die Forscherin vom Institut für Philosophie leitet zwei neue, von der VolkswagenStiftung geförderte Forschungsprojekte, die sich mit digitalen Monopolen, dem Phänomen des Tech-Autoritarismus und ihrer Auswirkung auf die Demokratie befassen, das erste davon gemeinsam mit dem Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Marius Sältzer vom Institut für Sozialwissenschaften. Die beiden Forschenden untersuchen hier, wie sich das antiliberale, techno-optimistische Weltbild der „Tech Right“ entwickelt hat. Die oft so bezeichnete Gruppe von Investoren und Gründern aus dem Silicon Valley und ihre Ideologie stehen im Fokus ihres Projekts „Mapping the Ideological Online Dynamics of the Tech Right: Tracing the Evolution, Influence, and Normalization of Silicon Valley's Neo-Reactionary Thought”. Das Thema des zweiten Forschungsvorhabens „INFRADEM – Reconfiguring Digital Infrastructure as a Site of Democratic Transformation“ ist die Frage, wie sich digitale Infrastrukturen demokratischer gestalten lassen.
Wie sich die Ideologie der Tech-Milliardäre verbreitet hat
Nosthoff und Sältzer wollen in ihrem Projekt zur „Tech Right“ herausfinden, wie sich die wichtigsten ideologischen Strömungen des Tech-Autoritarismus gebildet haben und wie es ihren führenden Figuren gelungen ist, ihre extremistischen, teils widersprüchlichen und antidemokratischen Ideen zu normalisieren und Einfluss auf die politische Welt zu nehmen. Die Forschenden kombinieren dafür verschiedene Herangehensweisen, etwa aus politischer Theorie, Ideologietheorie und empirischen Sozialwissenschaften. „Diese komplexen Denkbewegungen unterlaufen teils herkömmliche ideologische Verortungen und sind hochdynamisch. Sie stellen die Ideologieforschung vor Herausforderungen, deshalb wählen wir einen multiperspektivischen Ansatz“, erklärt Nosthoff.
Um aufzuzeigen, wie sich die Tech-Ideologien in digitalen Räumen verbreitet haben, planen die Oldenburger Forschenden etwa, große Textmengen von Onlineplattformen wie Reddit, 4chan, Telegram oder X teilautomatisch mit Hilfe von Large Language Models und parallel mit Hilfe theoretischer Methoden zu interpretieren. „Da Online-Textquellen Kommentare, Zitate und Links enthalten, können wir durch diesen Ansatz Netzwerkstrukturen und ideologische Querverbindungen aufdecken“, erklärt Sältzer, Juniorprofessor für digitale Sozialwissenschaften. Ziel der Forschenden ist es insbesondere, die dynamische Entwicklung der Tech-Ideologien möglichst unmittelbar nachzuvollziehen.
Die VolkswagenStiftung fördert das Vorhaben in der Initiative „Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften“ für 18 Monate mit 320.000 Euro.
Digitale Infrastruktur als Ort des demokratischen Wandels
Der Fokus des zweiten Vorhabens INFRADEM liegt auf der Frage, wie digitale Infrastrukturen so gestaltet werden können, dass sie die Demokratie fördern statt gefährden. „Technologien bestimmen zunehmend, wie wir kommunizieren, uns organisieren und politisch handeln – häufig jedoch ohne demokratische Kontrolle“, erläutert Nosthoff. Ziel des internationalen Projektteams ist es, konkrete Alternativen zu den bisherigen intransparenten und zentralisierten Technologien zu entwickeln, die von wenigen privaten Unternehmen gesteuert werden. Die Forschenden planen, Ideen für öffentliche digitale Werkzeuge zu entwerfen, Formate für Bürger*innenbeteiligung zu entwickeln sowie Handlungsempfehlungen für die Politik zu erarbeiten. Dabei verbinden sie Methoden aus der Philosophie, den Medienwissenschaften, den Rechtswissenschaften, der Kulturanalyse und der Demokratietheorie. Projektsprecherin Nosthoff erklärt: „Wir wollen herausfinden, wie sich digitale Infrastrukturen von Machtinstrumenten in Orte der demokratischen Teilhabe verwandeln lassen.“
Die VolkswagensStiftung fördert das Projekt in der Initiative „Transformationswissen über Demokratien im Wandel“ ab Januar 2027 für fünf Jahre mit insgesamt 1,4 Millionen Euro. Weitere Projektpartner sind die Universität Luxemburg, das Waag Futurelab in den Niederlanden, das Center für Monitoring, Analyse und Strategie gGmbH (CeMAS) in Berlin und die Universität Paderborn.