Für Kinder, die eingeschult werden, besteht seit 1. August bundesweit ein Anspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Schulexperte Till-Sebastian Idel spricht im Interview über die pädagogische Qualität, den Bedarf an professionellem Personal und geeigneten Räumen – sowie Schulen als künftige Zentren in ihrem Stadtteil oder Dorf.
Nicht nur in Niedersachsen wird ab Beginn des neuen Schuljahres stufenweise der Rechtsanspruch für einen Ganztagsplatz für Kinder im Grundschulalter umgesetzt. Ein Thema, das viele betrifft – für die Länder und die Kommunen ein finanzieller und organisatorischer Kraftakt. Wie sieht es mit der pädagogischen Qualität aus?
Das ist in der Tat ein Spannungsverhältnis: Wir haben einerseits die bundesrechtliche Vorgabe eines quantitativ bedarfsgerechten Betreuungsangebote, die auch unter kommunalen Ungleichheiten erfüllt werden muss. Auf der anderen Seite haben wir den Anspruch an Qualität von pädagogischer Arbeit, von Schule sowie ihrer Kooperation mit Sozialpädagogik oder Kinder- und Jugendhilfe. Unser Anspruch in den Erziehungswissenschaften: dass es eben nicht nur um die Betreuungskapazität geht, sondern – ungeachtet der knappen Ressourcen bei Finanzen und Personal – um Schule und Ganztag als guten Ort zum Aufwachsen.
Wie lässt sich dieser Anspruch an die pädagogische Qualität denn erfüllen?
Ob das Ganztagspersonal bei der Schule selbst angestellt ist, bei einem Träger oder bei einem Hort, wie es etwa in Ostdeutschland vielerorts Tradition hat: Es geht um Professionalität und Professionalisierung. Es ist zum Beispiel nicht unmöglich, ohne formale pädagogische Qualifikation, ohne Studium oder einschlägige Ausbildung, in eine Ganztagsschule reinzukommen und gute Arbeit zu machen. Man darf dabei allerdings nicht allein gelassen werden. Im Gegenteil: Ein Schlüssel für die pädagogische Qualität eines Ganztagsangebots ist die Fort- und Weiterbildung des Personals.
Ein „Händchen“ für Kinder reicht also nicht als Qualifikation…
Auch die Angebote im Ganztag sind – soweit nicht in einen Hort ausgelagert – Teil von Schule. Ohne jeglichen pädagogischen Hintergrund kann man da auch schon mal ziemlich „lost“ sein, wie wir aus einem aktuellen Forschungsprojekt wissen. Hier gilt es schon, alle Mitwirkenden einzubinden ins Kollegium, sie „on the job“ zu qualifizieren. Und es bedarf womöglich einer konkreten Rahmensetzung nach dem Motto: „Wer im Ganztag als Honorarkraft in einem bestimmten Umfang tätig ist, muss dieses oder jenes Zertifikat entweder mitbringen oder zeitnah erwerben.“ Am Ende sollen ja für die Kinder Schultage aus einem Guss stehen, die den Unterricht und das Ganztagsangebot gut in Einklang bringen.
Was braucht es neben qualifiziertem Personal denn noch, damit der Ganztag gelingt?
Der zweite Schlüssel ist die Entwicklungsarbeit in den Schulen. Dass es nicht Einzelnen überlassen wird, gute Arbeit zu leisten, sondern dass die Schulen sich jeweils auch Gedanken machen, wie sie ihre Schul- und Lernkultur weiterentwickeln wollen. Die Ganztagsschule bedeutet ein erweitertes Bildungsverständnis.
Was heißt das konkreter?
Hier geht es um etwas, das an vielen Ganztagsschulen längst geschieht, nämlich sich in den Sozialraum zu öffnen, in den Ort oder den Stadtteil. Dass Schule sich noch mehr als Teil des gesellschaftlichen Raums versteht, dass zivilgesellschaftliche Akteure aus ihrem Umfeld den Ganztag auch mitgestalten. Ein Beispiel wäre ein Sportverein, der am Nachmittag eine Arbeitsgemeinschaft anbietet. Indem Schule sich sozialen Akteuren öffnet, – Vereinen, Verbänden, der Kirchengemeinde oder anderen – bekommt sie umgekehrt auch eine andere Wertigkeit für den Kiez, in dem sie liegen. Ein Fachkollege von mir spricht immer von Schule als „Sozialraum im Sozialraum“: Schule ist für sich ein eigener Sozialraum, der ausgestattet und ausgestaltet, der kuratiert werden muss. Und Schule ist Teil eines größeren Sozialraums, und sie muss sich als solche begreifen und öffnen.
Stichwort Raum: Wie sieht es denn mit der baulichen Ausstattung der Schulen aus? Muss da noch etwas passieren?
Vielerorts klagen Schulen, dass es Investitionsbedarf gibt, dass die räumlichen Bedingungen verbesserungswürdig sind, dass auch schlicht Räume fehlen. Es ist fraglich, ob es in Schulen mit Klassenzimmern getan ist, auch wenn diese ästhetisch ansprechend und gemütlich sein mögen, oder ob es weitere Räume braucht, wo man anders mit Kindern arbeiten kann. Hier könnten Jugendtreffs, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe Vorbilder sein, die oft nochmal andere Lern- und Erfahrungsräume, auch räumlich andere Nischen bieten.
Viele Grundschulen sind längst offene Ganztagsschulen und haben zum neuen Schuljahr vielleicht nur die Betreuungszeiten an den künftig geltenden Rechtsanspruch angepasst. Gibt es Modelle, Vorbilder, die sich bewährt haben?
Es gibt jede Menge Vorbilder für einen gebundenen oder offenen, rhythmisierten Ganztag. Die Vernetzung von Schulen untereinander ist da total wichtig, da gibt es vielerorts einen fruchtbaren Austausch. Auch die Träger des Deutschen Schulpreises bieten Inspiration für andere Schulen. Da sind mindestens die Schulleitungen gefragt, sich mal unterschiedliche Modelle anzugucken – und dann geht es für die Schule darum: Welches Modell wählen wir, weil wir glauben, dass es an unsere Schule passt?
Was bedeutet eine Ganztagsschule für die Kinder?
Die Ganztagsforschung der letzten 20 Jahre hat ein klares Ergebnis: Für eine positive Wirkung auf Lernleistung und soziale Interaktion ist es wichtig, dass Kinder über längere Zeit sowie regelmäßig in den Ganztag gehen und dass die Qualität der Angebote hoch ist. Wesentlich für Letzteres sind wertschätzende, positive pädagogische Beziehungen – da sind wir wieder bei der pädagogischen Professionalität. Und wenn all das gegeben ist, ist für die Kinder der Ganztag ein Ort, an dem sie sich zugehörig fühlen und sich wohlfühlen. Gerade die Zugehörigkeit ist in der Bildungsforschung ein zunehmend wichtiger Punkt – ein immens wichtiger Faktor, um in der Schule lernen, sich entfalten und bilden zu können.
Ein Ausblick in die Zukunft: Wie werden und sollten Ganztagsschulen sich verändern?
Viele Schulen sind schon sehr weit entwickelt und haben viel Wünschenswertes vorweggenommen: ein übergreifendes Angebot mit Kooperationen, eine weiterentwickelte Lernkultur und starke Kindorientierung. Aufgrund ihrer pädagogischen Tradition – die Grundschule als erste Schule und als Schule für alle – sind gerade Grundschulen oft schon weit und sind auch Vorbilder für weiterführende Schulen. Die große Transformation, die im System ansteht, sehe ich allerdings vor allem darin, dass Schulen ihr Bildungsverständnis noch stärker erweitern und elementare Solidarität erfahrbar machen, die so wichtig für eine demokratische Gesellschaft ist. Dass sie sich letztlich in dem Zuge noch weiter vernetzen und zum Zentrum ihres Stadtteils oder ihres Dorfs werden.
Interview: Deike Stolz