Die Verbindung zwischen Mensch und Natur stärken – das ist das Ziel eines deutsch-niederländischen EU-Projekts mit Oldenburger Beteiligung. Der Hintergrund: Wer sich als Teil der Umwelt fühlt, setzt sich auch eher für ihren Erhalt ein.
Es klackert und tickt, knarzt und pocht. Mal gleichförmig, mal zufällig, mal schnell, mal langsam: Beim Schautag des Botanischen Gartens im Juni konnten Besucherinnen und Besucher mit eigenen Ohren hören, wie der Boden unter ihren Füßen klingt. Ein empfindliches Mikrofon, etwa 30 Zentimeter tief in die Erde gesteckt, förderte eine erstaunliche Fülle an Geräuschen zutage. „Für viele Besucherinnen und Besucher war das ein echter Augen- und Ohröffner – die Erkenntnis, dass der Boden lebt, sich bewegt und sogar Geräusche macht“, erklärt Prof. Dr. Dirk Albach, Leiter des Botanischen Gartens.
Die Installation „Living Soil“ hatten Forschende vom Science-Engagement-Zentrum der Universität Groningen mit zum Schautag gebracht. Die Idee dahinter: Das unmittelbare Sinneserlebnis soll dazu beitragen, die Verbundenheit der Menschen mit der Natur zu stärken. Die Aktion war Teil des Projekts „New Roots for Lasting Change“, an dem sowohl die Universität Oldenburg als auch die Universität Groningen beteiligt sind. Geleitet wird das im EU-Programm Interreg Deutschland-Nederland noch bis 2029 geförderte Projekt von der Provinzverwaltung von Fryslân in den Niederlanden, weitere Partner sind etwa der Park der Gärten in Bad Zwischenahn, das Ökowerk Emden und die Hochschule Van Hall Laarenstein aus Leeuwarden in den Niederlanden.
Das Projektteam hat das Gefühl der Naturverbundenheit in den Mittelpunkt gestellt, weil sich gezeigt hat, dass Menschen generell immer weniger Naturerfahrungen machen und sich daher auch weniger für den Schutz der Natur interessieren. „Studien belegen, dass Personen, die eine stärkere emotionale Verbindung mit der Natur spüren, eher im Sinne der Umwelt tätig werden, aber auch zufriedener sind“, betont Albach, für den „New Roots“ bereits das dritte deutsch-niederländische Interregprojekt zu Naturschutz und Umweltbildung ist.
Menschen, die sich stärker mit der Natur verbunden fühlen, handeln umweltbewusster
Das wissenschaftliche Konzept der Naturverbundenheit – der englische Begriff lautet „Nature Connectedness“ – beschreibt, wie sehr sich Menschen als Teil der Natur sehen, ob sie eine enge emotionale Beziehung zur belebten und unbelebten Umwelt empfinden oder ob sie sich eher getrennt davon wahrnehmen. „Es ist relativ intensiv erforscht, dass eine stärkere Verbundenheit mit der Natur mit besserer Gesundheit, Wohlbefinden und Glück einhergeht“, berichtet Albach. Zudem sei bekannt, dass Menschen, die sich stärker mit der Natur verbunden fühlen, auch eher für ihren Erhalt einsetzen und generell umweltbewusster handeln.
Was jedoch weniger bekannt ist: wie sich die Naturverbundenheit steigern lässt. Genau das will das Projektteam von „New Roots“ nun ermitteln. „In Vorgängerprojekten haben wir schon viel dazu geforscht, wie sich die Öffentlichkeit etwa auf das Problem des Insektenschwunds aufmerksam machen lässt. Wir haben viel Wissen vermittelt, aber in Auswertungen hat sich immer wieder gezeigt, dass die Naturverbundenheit dadurch nicht zunimmt“, berichtet Albach.
Die Forschenden setzen nun darauf, die Natur mit allen Sinnen erfahrbar zu machen – wie mit der Living-Soil-Installation beim Schautag des Botanischen Gartens. Zu den Projektmaßnahmen zählen Entdeckungstouren für Schulklassen im Park der Gärten, Workshops bei Festivals, Waldspaziergänge für Erwachsene, künstlerische und kulturelle Aktionen sowie eine Zusammenarbeit mit Unternehmen und Behörden, die nachhaltige Unternehmensführung fördern soll. Statt Informationen über die Natur zu erhalten, sollen Teilnehmende der Veranstaltungen zum Beispiel Blätter durch Tasten erraten, Kräuter riechen, Landschaftskunst durch Berührung wahrnehmen oder gemeinsam Mandalas aus Naturmaterialien herstellen.
Kindern intensivere Naturerfahrungen bescheren
Der Oldenburger Projektteil unterstützt Maßnahmen von Unternehmen und Behörden, um die Naturverbundenheit der Mitarbeitenden zu steigern. Das können gemeinsame Pflanzaktionen sein oder auch ein Betriebsausflug in den Botanischen Garten. „Es gibt Betriebe, die etwa Blühwiesen anlegen, ein Bienenhotel bauen oder zusammen gleich den ganzen Betriebshof umgestalten“, berichtet Albach. Beteiligt ist die Umweltpsychologin Maresa Pallasch, die die verschiedenen Aktionen auswertet und deren Erfolg wissenschaftlich auswertet.
Für den Botanischen Garten, dessen buntes Veranstaltungsprogramm sich an Menschen aller Altersgruppen richtet, erhofft sich Albach neue Inspirationen. Zum Beispiel Hinweise darauf, wie sich Aktivitäten zukünftig am besten gestalten lassen, um bei Teilnehmenden die Liebe zur Natur zu stärken. „Wir untersuchen etwa, welchen Einfluss die Alterszusammensetzung einer Gruppe hat oder wie wichtig es ist, dass die Leute direkt mit Pflanzen zu tun haben“, erzählt er.
Insbesondere Kindern möchte er intensivere Naturerfahrungen bescheren. „Viele Mädchen und Jungen haben mittlerweile nur noch selten Kontakt zur Natur, manche fühlen sich in einem Wald sogar unwohl oder empfinden Insekten als eklig“, hat Albach beobachtet. Eine solche Entfremdung lasse sich am besten durch direkte Sinneserfahrungen vermeiden. Der Wunsch des Forschers: „Wir möchten Menschen jeden Alters dazu ermutigen, eine lebendige, emotionale Beziehung zur Natur aufzubauen – wie zu einem guten Freund.“