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Wie kommt ein deutscher Menschenaffe nach Liberia?

Die beiden Primatologen Andrew Whiten und William McGrew starrten wie elektrisiert auf das kleine Bild. Während einer Tagung, bei der die Ergebnisse des Werkzeuggebrauchs in verschiedenen "Schimpansenkulturen" präsentiert wurden, zeigte ihnen ein Kollege eine liberianische Briefmarke von 1906 (s. Abb).

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Sollte das die erste Darstellung des Werkzeuggebrauchs bei einem Schimpansen sein? Die Marke ist in London gedruckt worden, doch woher und von wem stammt das Bild? So fragten die beiden in einem Brief an die Zeitschrift Nature (Text 1). Darin bewundern sie die exakte Darstellung des Schimpansen mit Knöchelgang der rechten Hand und flachem Aufsetzen der Füße. Sie weisen darauf hin, dass der Stock exakt den Dimensionen entspricht, mit dem Schimpansen Termiten ausgraben und vermuten, dass auf der Briefmarke ein Termitenbau der Gattung Macrotermes abgebildet sei. Termitengraben von Schimpansen sei aber von Liberia bisher nicht berichtet worden. Die Darstellung auf der Briefmarke sei aber möglicherweise die älteste korrekte Darstellung von Werkzeuggebrauch bei Schimpansen. Sie datiere dann um nahezu ein halbes Jahrhundert früher als die berühmten Beobachtungen vom Termitenangeln von Jane Goodall. – In einem Wiener Antiquariat stöberte ich nach alten Büchern. Beim ersten Aufschlagen eines Bandes von Johannes Ranke, Der Mensch, (Bd. 2 1887) sprang mir eine Grafik in die Augen: Zweifellos das Vorbild für die Briefmarke (s. Abb).

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­Der Autor, Gustav Mützel (1839-1893), hat bei seiner Signatur vermerkt: "n d Leben", d. h., er hat den Menschenaffen nach der Natur porträtiert, aber nicht in Liberia, sondern im Zoo von Dresden. Die Originalveröffentlichung befindet ich in der 2. und 3. Auflage von „Brehms Tierleben“. Mützel hat dann eine afrikanische Umgebung hinzugefügt. Werkzeuggebrauch von gefangenen Menschenaffen war damals schon bekannt. Termiten hat der deutsche Menschenaffe natürlich nicht gegraben und der vermeintliche Termitenbau ist denn auch eher ein Baumstamm. Dies teilte ich der Zeitschrift Nature mit (Text 2 a) Die Illustration der Briefmarke lehrt uns leider nicht viel über Schimpansen, dafür aber umso mehr über menschliche Wahrnehmung und Kultur. Wir sehen vor allem das, was wir schon kennen. Daher erblicken wir auf der Briefmarke einen Termiten grabenden Schimpansen und halten auch noch die Ortsangabe der Marke für authentisch. Der kulturelle Informationsfluss überbrückte jedoch schon vor der Globalisierung größere Entfernungen als wir gemeinhin annehmen: Ein britischer Illustrator entnahm einem deutschen Buch eine Grafik, die er für eine schöne afrikanische Szene hielt, und verpflanzte sie mit leichten Änderungen auf eine liberianische Briefmarke. Ein Jahrhundert später werden dann zwei exzellente schottische Primatologen, durch das Bild veranlasst, über Termitengraben von Schimpansen in Liberia nachzudenken. – Nach meinem Brief äußerten Whiten und McGrew sich noch nicht völlig von der Widerlegung ihrer Hypothesen überzeugt (Text 2 b). Es wäre ja so schön gewesen! Die beiden Wissenschaftler hatten schon vorher unzutreffende Annahmen geäußert, die auch ihrem Wunschdenken entsprangen (Text 3). Die Größe einer 5-Cents-Briefmarke ist aber wohl eine zu schmale Basis für weitreichende wissenschaftliche Vermutungen.

Ulrich Kattmann

Ein Tipp: Die Texte eignen sich prima für einen bilingualen wissenschaftspropädeutischen Unterricht.


We8lensbmat9+stere2y4a (in6qpnmternetrxk@uor6b6l.j3qrde) (Stand: 02.03.2020)