Glöckner: Was du da beschreibst, erinnert mich an meine Anfangszeit im Labor. Da galt: Mein Experiment, meine Daten, mein Paper. Da hat man nicht daran gedacht, seine Daten mit anderen auszutauschen. Meine gesamte Diplomarbeit passte damals allerdings auch noch auf eine Diskette, meine Doktorarbeit auf ein ZIP-Laufwerk. Heutzutage hingegen produziert man in den Natur- und Lebenswissenschaften Unmengen an Daten, die ein Einzelner kaum noch allein auswerten kann. Somit hat die Umweltforschung den beschriebenen Wandel wohl schon früher vollzogen.
Inwiefern?
Nehmen Sie als Beispiel ein Forschungsschiff. Hier müssen alle zusammenarbeiten. Der eine nimmt Tiefenprofile, die andere sammelt mit einer Kamera am Meeresboden Informationen, der nächste erfasst die Seismik, eine weitere macht Umweltphysik und, und, und. Da hat man eigentlich schon immer versucht, diese Daten zu verknüpfen, also auszutauschen und verfügbar zu machen.
Sie leiten ja auch das Datenrepositorium PANGAEA am Alfred-Wegener-Institut und der Uni Bremen, das seit mehr als 30 Jahren genau solchen Daten und Metadaten eine Plattform bietet.
Genau, da sind wir in den Umweltwissenschaften wohl in einer besonderen Situation gegenüber anderen Forschungsfeldern. Auch in der Umweltforschung muss natürlich nicht immer alles sofort öffentlich sein, gerade bei immens aufwändiger Datenerhebung über einen langen Zeitraum, dafür bieten wir die Möglichkeit an, Daten mit einem „Moratorium“ von bis zu zwei Jahren zu belegen. Aber wir agieren immer nach den FAIR-Prinzipien: Forschungsdaten sollen „findable“, „accessible“, „interoperable“ und „reusable“ sein, also auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar.
Nieße: Auch in der Energiesystemforschung nähern wir uns dem weiter an. Da hilft der Fachcommunity-Ansatz der NFDI. Wir müssen die spezifischen Probleme in den jeweiligen Fachdisziplinen oder den interdisziplinären Communities verstehen und genau dafür auch eine Lösung anbieten. Und wir sehen allmählich auch in anderen Disziplinen, dass es zunehmend mehr um die Nutzung von Daten denn um deren Besitz geht.
NFDI4Energy und NFDI4Biodiversity existieren unterschiedlich lange. Wie weit sind Sie gekommen, welche Etappenziele haben Sie vielleicht schon erreicht?
Nieße: Wir sind mit NFDI4Energy vor drei Jahren gestartet und haben gerade den ersten Zwischenbericht abgegeben. Es ging für uns anfangs vor allem darum, selber zu verstehen und der Fachcommunity zu vermitteln: Was sind denn die Potenziale, die ein gutes Forschungsdatenmanagement bietet? Da haben wir eng mit Konsortien aus den vorherigen Förderrunden zusammengearbeitet, uns angeschaut, was da schon an Services entwickelt wurde, um die dann spezifisch aufzubereiten für die Energiesystemforschung und daneben eigene Dinge zu entwickeln.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Da gibt es etwa die Open Energy Plattform, die schon über viele Jahre entwickelt wurde, die wir aufgenommen haben und anpassen, so wie wir sie brauchen. Wir haben auch geschaut: Was passiert in den Ingenieurwissenschaften, in den Sozialwissenschaften, und was können wir von da aufnehmen, um es unseren Forschenden aufzuzeigen und ihnen einen Mehrwert zu liefern? Das heißt, wir haben sehr gezielt Beispiele entwickelt, Showcases, die verdeutlichen, wie das die Arbeit der einzelnen Forschenden konkret verbessert.
Glöckner: Das alles in einer Zeit, in der sich generell das Bewusstsein zum Thema Daten verändert, was nicht zuletzt an der Trump-Administration in den USA liegt. Gezielte Budgetkürzungen, inhaltliche Einschränkungen und das Löschen unbequemer Informationen resultierten darin, dass plötzlich Daten verschwunden waren. Das führte – neben der wissenschaftlichen Community – auch der Gesellschaft noch deutlicher vor Augen, wie wichtig eigentlich Daten sind und dass man nicht davon ausgehen kann, dass sie einfach da sind. Nicht zuletzt in der Umweltforschung gab es relativ viel Aufruhr nach den Massenentlassungen bei der US-amerikanischen Ozeanografie- und Wetterbehörde NOAA…
… die ja einhergingen mit einem zunehmend eingeschränkten Zugriff auf deren Klima- und Umweltdaten, die Sie teilweise mit PANGAEA nun bereits gesichert haben.