• Vorderseite der Postkarte, die von zwei Händen gehalten wird. Man sieht die handgeschriebene Adresse, den Absender, eine grüne Briefmarke und einen Poststempel  Briefmarke

    Ende Mai 1936 informierte Carl von Ossietzky seine Frau Maud, dass er aus dem Konzentrationslager Esterwegen nach Berlin verlegt worden war. Foto: Universität Oldenburg/Daniel Schmidt

  • Rückseite der Postkarte mit Text

    Es gehe ihm gut, sie solle sich keine Sorgen machen, schreibt Ossietzky seiner Frau. Bild: Universität Oldenburg/Daniel Schmidt

„Ich umarme dich vielmals“

Die Bibliothek hat eine bislang unbekannte Postkarte von Carl von Ossietzky ersteigert. Ab sofort ist sie in der Dauerausstellung zu sehen.

Die Bibliothek hat eine bislang unbekannte Postkarte von Carl von Ossietzky ersteigert. Noch bis Ende Mai ist sie in der Dauerausstellung zu sehen.

Es sind nur wenige Zeilen in blasser Tinte auf einer vergilbten Karte. „Meine liebe Maudie“, schrieb Carl von Ossietzky am 29. Mai 1936 an seine Frau, „seit gestern befinde ich mich in Berlin und zwar im Staatskrankenhaus in der Scharnhorststrasse.“ Er beruhigt seine Frau, es gehe ihm gut, der Aufenthalt solle seiner Gesundheit dienen, er erhalte ausgezeichnete Pflege. „Ich umarme dich vielmals Dein Carl“, endet der kurze Text.

Ossietzky schrieb die Postkarte am Tag nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Esterwegen im Emsland, womöglich war sie das erste Lebenszeichen nach fünf Monaten. Seit kurzem befindet sich das wertvolle Stück im Besitz der Universität, seit gestern wird sie in einer besonderen Vitrine für drei Monate in der Dauerausstellung der Universitätsbibliothek zu Ossietzky zu sehen sein.

Eine Postkarte pro Woche

Die Bibliothek ersteigerte die Karte im vergangenen Jahr bei einer Auktion in Düsseldorf. „Es ist über 15 Jahre her, dass wir unserer Sammlung ein Original von Ossietzky hinzufügen konnten. Ich hatte eigentlich gedacht, es gibt nichts mehr“, sagt die Historikerin Alexandra Otten, Kuratorin der Dauerausstellung. Die Universität verwahrt den Nachlass Ossietzkys seit 1981, darunter rund drei Dutzend Postkarten und Briefe, die der Publizist während seiner Haft an seine Familie schrieb. „Die Häftlinge durften jeweils eine Karte in der Woche schreiben und empfangen“, berichtet Otten. Auf der Vorderseite befanden sich außer den Adressen meist auch die Lagerregeln, auf der Rückseite war Platz für eine kurze Nachricht.

Otten ist überrascht, dass aktuell noch Schriftstücke von Ossietzky im Umlauf sind. „Auf verschiedenen Wegen müssen mehrere Karten an private Sammler und Antiquariate gelangt sein“, berichtet sie. Drei weitere Postkarten, so fand sie heraus, wurden in den letzten Jahren zum Verkauf angeboten. In diesem Fall erkannte sie die Chance schnell und die Bibliotheksleitung beschloss, bei der Auktion mitzubieten.

Das nun erworbene Dokument mit der Nachricht aus dem Berliner Krankenhaus sei für die Forschung besonders interessant: „Bislang war nicht klar, wann genau Ossietzky nach Berlin verlegt wurde“, berichtet Otten. Die Postkarte ermögliche außerdem einen Einblick in den Gemütszustand des späteren Friedensnobelpreisträgers nach dem überraschenden Ende seiner Haft, sagt Otten: „In seinen Worten ist vor allem Freude und Erleichterung spürbar, der Folter im Konzentrationslager entkommen zu sein.“ 

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