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Juniorprofessur Sozialtheorie

Aktuelle Publikation: "Jenseits der Autonomie: Die De/Problematisierung des Subjekts in Zeiten der Digitalisierung"

Übersichtsseite zur Corona-Pandemie

Vita

Prof. Dr. Katharina Block ist seit 2018 Juniorprofessorin für Sozialtheorie an der Universität Oldenburg. Die Soziologin promovierte in Landau über die Bedeutung des Weltbegriffs für die Umweltsoziologie und war unter anderem an den Universitäten Würzburg und Hannover wissenschaftlich tätig. Sie ist assoziierte Forscherin am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin sowie Gründerin und Sprecherin des Arbeitskreises „Digitalisierung als Herausforderung für die Soziologie Theorie“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. 

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Prof. Dr. Katharina Block

Institut für Sozialwissenschaften

  • Die gesamtgesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung seien noch lange nicht geklärt und daher ein spannendes Forschungsfeld für Sozialwissenschaftler, sagt Katharina Block, Juniorprofessorin für Sozialtheorie. Foto: AdobeStock/ChiccoDodiFC

Kluft in der Wahrnehmung

Ob die Digitalisierung die Kraft besitzt, gesellschaftliche Strukturen zu verändern, erforscht Soziologin Katharina Block. Inwieweit sich die Corona-Pandemie in dieser Hinsicht auswirkt oder auswirken könnte, erörtert sie im Interview.

Ob die Digitalisierung die Kraft besitzt, gesellschaftliche Strukturen zu verändern, erforscht die Oldenburger Soziologin Katharina Block. Inwieweit sich die Corona-Pandemie in dieser Hinsicht auswirkt oder auswirken könnte, erörtert sie im Interview.

Sie beschäftigen sich mit der „Soziologie der Digitalisierung“ – da dürfte für Sie die Corona-Pandemie mit ihren Begleiterscheinungen ein spannender Forschungsgegenstand sein?

Wie sich die Digitalisierung gesellschaftlich auswirkt, ist deswegen besonders spannend, weil in diesem Prozess noch vieles ungeklärt ist. Dabei ist die Perspektive einer Soziologin anders als etwa die einer Informatikerin. Ich verstehe die Digitalisierung als einen für die Gesellschaftsstruktur relevanten Prozess, ähnlich wie etwa die sogenannte Ökonomisierung oder eine Politisierung der Gesellschaft. Also, dass in einem bestimmten Bereich eine Entwicklung losgetreten wird, die gesamtgesellschaftliche Folgen hat, die im Falle der Digitalisierung noch lange nicht erschöpft sind. Die Frage ist also, ob die Digitalisierung die Kraft besitzt, gesellschaftliche Strukturen zu verändern. Genau diese Makroebene interessiert mich.

Inwiefern wirkt sich das durch die Pandemie verstärkte Verlagern aller möglicher Aktivitäten ins Digitale denn – möglicherweise bereits jetzt sichtbar – gesellschaftlich aus?

Grundsätzlich gibt es die Tendenz, mehr und mehr ins Digitale zu verlagern. Ob die Pandemie dies verstärkt, ist eine sehr komplexe Frage, auf die man momentan nur beispielhaft antworten und zu der man noch keine übergeordnete Perspektive liefern kann. So lässt sich ganz gut beobachten, dass das Digitale stärker in den Vordergrund rückt. Zum Beispiel greifen Menschen nun noch stärker auf Informationen aus dem Internet zurück und führen ihre Kommunikation auf digitalem Wege.

Welche Chancen und Risiken birgt das?

Als Wissenschaftlerin verstehe ich mich als distanzierte Beobachterin, die zuallererst verstehen möchte, was da passiert – zunächst einmal ohne eine normative Wertung. Es gibt sicherlich zwei Seiten der Medaille. Einerseits haben wir die Möglichkeit, auf mehr Informationen zurückzugreifen, andererseits nimmt auch die Komplexität zu. Die Entscheidung darüber, was man für wahr und falsch hält, wird individualisiert. Ich muss zunehmend selbst entscheiden: welchen Quellen traue ich, welchen nicht? Informationen werden wesentlich schneller als vermeintlich gesichertes Wissen betrachtet. Es ist interessant zu sehen, wie die Öffentlichkeit damit umgeht.

Weil sie es nicht gewohnt ist, mit ungesichertem Wissen umzugehen?

Genau. Die Experten aus der Virologie beispielsweise wurden zunächst stark frequentiert, dann gab es Kritik an ihren sich stetig verändernden Aussagen. Auch sie bewegen sich angesichts eines unbekannten Erregers im Spannungsfeld zwischen Information und Wissen. Um die Komplexität in diesem Spannungsfeld für sich zu reduzieren, schaffen sich manche Menschen Blasen – sie sind getrieben durch das Bedürfnis nach gesichertem Wissen, merken aber: darauf kann ich nicht zugreifen, da es das noch nicht gibt. Solche Blasen sehen wir auch bei Verschwörungstheorien, die natürlich ein Extremfall sind. Ich glaube, dass die überwiegende Mehrheit dem nicht anhängt. Aber es ist schon spannend zu sehen, wie schnell das doch ein bedenkliches Maß angenommen hat. Die Veränderungen in Kommunikation und Wissensproduktion bekommen momentan durch die Pandemie einen Schub.

Wenn der intensivere digitale Austausch häufig den zwischenmenschlichen Kontakt ersetzt, ersetzen muss: was bedeutet das für die Gesellschaft?

Der Kontakt zwischen körperlich Anwesenden nimmt ab – das war bereits vor der Pandemie zu beobachten. Wir haben schon länger die Entwicklung, dass immer mehr Kommunikation körperlos stattfindet, vermittelt durch technische Geräte. Jetzt greift es wegen der strengen Hygienevorschriften auch bei traditionellen Formen der Zusammenkunft – ob Schützenfest, Jahrmärkte und Volksfeste, sogar das Oktoberfest ist abgesagt. Vielleicht werden derartige Veranstaltungen und Begegnungen in Zukunft generell abebben. Der verstärkt digitale Austausch scheint mir allerdings eher von denjenigen als problematisch wahrgenommen zu werden, die nicht von vornherein damit aufgewachsen sind.

Es gibt also schlicht unterschiedliche Perspektiven auf die Effekte der Digitalisierung.

In der Tat scheint das eine Generationenfrage zu sein. Für die Jüngeren findet ohnehin ein großer Teil ihrer Kommunikation digital statt – die müssen es nicht als problematisch wahrnehmen, weil sie es gar nicht anders kennen. Diese Kluft in der Wahrnehmung, ob etwas problematisiert wird oder nicht, ist für mich ein sehr interessantes Forschungsfeld. Gleiches gilt für den Blick auf eine Überwachung, etwa durch Tracking-Apps im Zuge der Pandemie-Bekämpfung. Auch hier gehen die Einschätzungen auseinander. Insgesamt gibt es die große Sorge, die Freiheit des Individuums könne als Leitwert verloren gehen. Dass wir uns als freies Individuum mit unveräußerlichen Menschenrechten erleben, ist ein wichtiger Leitwert der Moderne. Wenn sich im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung solche unsichtbaren Überwachungs- und Kontrollmechanismen aber immer weiter normalisieren, dann würde der mögliche Verlust unseres Leitwertes praktisch "de-problematisiert" – mit gesellschaftlichen Konsequenzen.

Gibt es auch hier eine Kluft in der Wahrnehmung?

Für mich ist das eine der spannendsten allgemeinen Fragen, die auf uns zukommt: zu gucken, ob das freie Individuum als normativer Leitwert tatsächlich immer mehr in den Hintergrund rückt – und ob das von den nächsten Generationen überhaupt noch als problematisch angesehen werden wird. Aus meiner ganz persönlichen normativen Perspektive wäre der Verlust unseres Selbstverständnisses als freies Individuum als problematisch zu bewerten. Da schrillen die Alarmglocken. Aus einer forschenden Perspektive ist hingegen zu fragen, inwiefern künftige Generationen diese von uns empfundene Problematisierung vielleicht gar nicht mehr teilen werden? Vielleicht werden wir in 50 Jahren wissen, ob die Gesellschaft zu ihrer Strukturerhaltung diesen Leitwert noch braucht oder nicht und was das verändert.

Welche Folgen hat der zunehmend digitale zwischenmenschliche Austausch für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Das ist schwierig zu sagen, weil wir mittendrin stecken. Die Abnahme körperlicher Ko-Präsenz kann durchaus zu Vereinzelung oder Vereinsamung führen. Zugleich bilden sich neue Formen des Beisammenseins heraus. Arbeitsprozesse sind vielleicht ein gutes Beispiel. Da passiert nun vieles ad hoc, und es funktioniert wesentlich besser als gedacht. Viele von uns bleiben von einer Dominanz körperlicher Ko-Präsenz geleitet, dennoch könnten neue Muster und Routinen entstehen. Auch gesellschaftliche Proteste könnten sich ändern: Es wird zunehmend normal, sich digital zusammenzuschließen.

Was ist möglicherweise nur ein temporäres Phänomen, und was könnte unsere Gesellschaft nachhaltig verändern?

Vieles bleibt noch spekulativ und lässt sich erst einmal nur zeitdiagnostisch feststellen. Für die Soziologinnen und Soziologen gilt es, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten genau hinzuschauen. Dann kann man sehen, ob und wie sich gesellschaftliche Strukturen, Normen, Werte und Wissensformen nachhaltig verändert haben. Und vielleicht ist die eigentlich spannende Frage: Was wird nur temporär problematisch sein, und was wird problematisch bleiben? Wenn ich jetzt spekulieren müsste, würde ich Verantwortungsfragen als wichtigen Bereich nennen. Gerade durch die Tatsache, dass Algorithmen zunehmend Prozesse steuern, wird es zukünftig immer schwieriger zu entscheiden, wer überhaupt Verantwortung für etwas trägt. Entscheidungen können viel mehr verteilt werden, viel mehr Akteure sind daran beteiligt, zum Beispiel beim automatisierten Fahren. Da wird es zu einer großen Problematisierung kommen, und auch da macht sich für die Soziologie ein wichtiges Forschungsfeld auf.

Interview: Deike Stolz

Presiase & Kgzommunikjization6m (preckmsse@uozql.dfqbe) (Stand: 17.09.2020)