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Themenband „Integrative research perspectives on marine conservation“

Arbeitsgruppe Planktologie

Vita

Prof. Dr. Helmut Hillebrand, einer der international meistzitierten Biodiversitätsexperten, ist Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg (HIFMB). Seit 2008 leitet er am Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) die Arbeitsgruppe Planktologie. 2018 erhielt er für sein Engagement bei der Gründung des HIFMB die Plakette des Präsidenten der Universität. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen die Biodiversität und Nahrungsnetzstruktur aquatischer Systeme.

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Prof. Dr. Helmut Hillebrand

Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg

0471/4831 2542

  • Vier Delfine schwimmen kurz unter der Wasseroberfläche.

    Ökosysteme im Meer sind durch Schadstoffe vom Land gefährdet. Meeressäuger wie diese Breitschnabeldelfine reichern beispielsweise langlebige organische Schadstoffe in ihrem Fettgewebe an. Foto: NOAA on Unsplash (https://unsplash.com/@noaa)

  • Porträt von Helmut Hillebrand

    Helmut Hillebrand spricht sich dafür aus, dass Wissenschaftler sich stärker in den Naturschutz einbringen. Foto: Universität Oldenburg

„Meereslebewesen halten sich nicht an Grenzen“

Die biologische Vielfalt in den Ozeanen ist bedroht – durch Klimawandel, Verschmutzung, Überfischung. Wie Forschung dazu beitragen kann, den Schutz der Meeresumwelt zu verbessern, erklärt der Biodiversitätsexperte Helmut Hillebrand im Interview.

Die biologische Vielfalt in den Ozeanen ist bedroht – durch Klimawandel, Verschmutzung, Überfischung. Wie Forschung dazu beitragen kann, den Schutz der Meeresumwelt zu verbessern, erklärt der Biodiversitätsexperte Helmut Hillebrand im Interview.

Herr Professor Hillebrand, wie unterscheiden sich Naturschutz an Land und im Meer?

An Land funktioniert Naturschutz oft über die Ausweisung von Schutzgebieten. Im Nationalpark Bayerischer Wald beispielsweise weiß jeder genau, wo das Schutzgebiet anfängt, wo es aufhört und welche Regeln dort gelten. Auch im Meer kann man Schutzgebiete einrichten, aber die Organismen halten sich nicht an Grenzen, das Wasser fließt hindurch. So lässt sich zwar die Überfischung bekämpfen, nicht aber Probleme wie höhere Wassertemperaturen oder ein zu hoher Nährstoffgehalt.

Welche Faktoren müssen erfüllt sein, damit wir die Natur im Meer schützen können?

In vielen Fällen bräuchte man ein Netz aus Naturschutzgebieten, weil viele Organismen sich in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens an unterschiedlichen Orten aufhalten. Nur so kann man sie über ihren gesamten Lebenszyklus schützen. Außerdem muss es klare Regeln geben, und diese müssen auch überprüfbar sein. Daran hapert es oft, weil die nötigen Überwachungsmethoden nicht existieren und kein Geld dafür vorhanden ist.

Wie sinnvoll sind Naturschutzgebiete im Meer dann überhaupt?

Flächenbezogener Meeressschutz ist derzeit das Beste, was wir haben. Aber es ist trotzdem an der Zeit sich zu überlegen: Wann passt dieses Konzept nicht für Ökosysteme im Meer? Wie könnten eigene Instrumente aussehen, die nicht aus dem Naturschutz an Land abgeleitet sind? Können wir uns Regularien vorstellen, die flexibler sind und der Dynamik der Meeres-Ökosysteme gerecht werden?

Sie haben gemeinsam mit Ihrer Oldenburger Kollegin Dr. Ute Jacob und Prof. Dr. Heather Leslie von der University of Maine einen Sonderband zum Naturschutz im Meer in der altehrwürdigen Zeitschrift „Philosophical Transactions“ der britischen Royal Society herausgegeben, in der diese Fragen diskutiert werden. Wie kam es dazu?

Der Band ist das Resultat eines Symposiums, das 2019 bei uns am Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität (HIFMB) stattfand. Wir hatten 16 herausragende internationale Expertinnen und Experten eingeladen, die aus unterschiedlichen Perspektiven zum Naturschutz im Meer Stellung nahmen. Wir fanden, dass dies ein sehr gutes Konzept für einen Themenband war.

Was war Ihr Ziel dabei?

Wir wollten den marinen Naturschutz als Gesamtprozess betrachten. Uns ging es hier um eine übergreifende Perspektive – vom Beobachten und Erheben von Daten über das Bilden von Theorien bis zum Naturschutzmanagement.

Stichwort Daten: Wie kann man in Zukunft mehr Daten aus schwer zugänglichen Ökosystemen etwa in der Arktis oder in der Tiefsee gewinnen?

In den Umweltwissenschaften findet gerade eine Datenrevolution statt. Es gibt beispielsweise neue molekulare Werkzeuge, um die Biodiversität zu erfassen. Eine große Rolle spielt etwa die Analyse der sogenannten Umwelt-DNA. Dabei handelt es sich um geringe Mengen der Erbsubstanz DNA, die Organismen an ihre Umgebung abgeben. Diese DNA lässt sich beispielsweise in Wasserproben nachweisen. So kann man bestimmen, welche Arten in einem Ökosystem leben, auch wenn man sie nicht direkt beobachtet. Damit befasst sich Dr. Silke Laakmann, die am HIFMB eine Nachwuchsgruppe leitet. Sie untersucht anhand von Ruderfußkrebsen, wie sich molekulare und traditionelle Methoden zur Erfassung der Biodiversität verbinden lassen. Eine weitere Methode, um die Biodiversität großräumig zu überwachen, ist die Akustik: Viele Arten kommunizieren akustisch oder erkunden ihre Umwelt mit Hilfe von Schall. Es gibt mittlerweile automatisierte Methoden, um die Klanglandschaft im Meer zu erfassen. 

Und woran hapert es noch?

Für viele Fragestellungen zu Veränderungen der Biodiversität haben wir zwar die erforderlichen statistischen Methoden, aber keinen ausreichenden Zugriff auf die entsprechenden Daten. Eine der Schlussfolgerungen unseres Themenbandes ist ein großes Plädoyer für Open Data Science. Forschungsdaten sollten den sogenannten FAIR-Prinzipien entsprechen, also wiederauffindbar, zugänglich, interoperabel und reproduzierbar sein. Das trifft für viele Beobachtungsdaten im Naturschutz derzeit nicht zu.

Welche Schlussfolgerungen aus dem Themenband sind für Sie noch wichtig?

Die verschiedenen Artikel machen klar: In welchem Zustand sich die biologische Vielfalt befindet und wie stark sie sich im globalen Wandel verändert, lässt sich nicht durch einfache Maßzahlen abbilden. Die Veränderung der Biodiversität ist ein sehr komplizierter Prozess. Arten wandern ein, Arten sterben aus, Arten verändern sich in ihrer Dominanz.  Der Versuch, den Zustand eines Ökosystems in einen einzigen Indikator zu pressen, ist zum Scheitern verurteilt, weil jeder Indikatorwert nur einen einzelnen Aspekt der Biodiversität erfassen kann.

Welche Aufgaben ergeben sich für die Forschung zum Meeresschutz?

Wir müssen noch interdisziplinärer werden und beispielsweise Wege finden, um die quantitativen Methoden aus den Naturwissenschaften mit den qualitativen Methoden aus den Sozialwissenschaften zu verbinden. Ein Beispiel dazu: Naturwissenschaftler berechnen den Wandel der Biodiversität anhand von statistischen Modellen, Sozialwissenschaftler bewerten ihn in Interviews mit verschiedenen Interessengruppen. Doch wie integriert man beide Ergebnisse? Am HIFMB haben wir seit diesem Jahr auch zwei sozialwissenschaftliche Arbeitsgruppen. Damit sind wir auf einem guten Weg, zu einem Ort für interdisziplinäre marine Umweltforschung zu werden.

Wie kann man dafür sorgen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse stärker ins Naturschutzmanagement einfließen?

Das ist ein zweiter wichtiger Aspekt, der oft unter das Stichwort Transformation gefasst wird.  Dahinter steht der Anspruch, dass sich die Wissenschaft stärker in gesellschaftliche Veränderungen einbringen sollte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ziehen sich bislang oft auf den Standpunkt zurück, dass es reicht, Informationen zum Zustand von Ökosystemen zu liefen, entscheiden müssen dann andere. So hat die Wissenschaft oft nur einen geringen Einfluss auf politische Entscheidungen.

Wie lässt sich das ändern?

Wir Wissenschaftler müssen uns aktiver an diesem Prozess beteiligen. Das ist die zweite große Aufgabe, die vor uns liegt. In Managementkonzepte im Naturschutz müssen wissenschaftliche Erkenntnisse über den Zustand von Ökosystemen oder über die Veränderung von Biodiversität einfließen. Es gibt auch schon Ideen für transformative Wissenschaft – etwa Reallabore, in denen Zivilgesellschaft und Wissenschaft gemeinsam nach Lösungen suchen und dabei voneinander lernen.

Interview: Ute Kehse

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(Stand: 20.06.2024)  | 
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