Wie beeinflussen Darstellungen in Schulbüchern das Verständnis von Kultur und Rassismus? Und was können Lehrkräfte tun, um das zu verändern? Mit diesen Fragen hat sich Lehramtsstudentin Jessica Adaobi Nnamani beschäftigt.
Stereotype Darstellungen von Personen in Büchern, mit denen junge Menschen Englisch lernen – das ist Jessica Adaobi Nnamani schon als Schülerin in der Mittelstufe aufgefallen. „Ich bin in Nigeria geboren, meine Muttersprache ist Englisch“, sagt sie. Doch die Leute und Situationen, die in den Englischbüchern abgebildet waren, hätten einfach nur „sehr englisch“ ausgesehen und nichts mit ihr zu tun gehabt.
Auch im Zuge ihres 18-wöchigen Praktikums an einer Hauptschule stolperte die Lehramtsstudentin über eine Darstellung der Geschichte von Rosa Parks, einer Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Das Englischbuch für die achte Klasse zeige das Thema „nur als spannende Story“, in der Hauptaufgabe der Lerneinheit gehe es um Grammatik und nicht um den Inhalt, erläutert sie. „Das fand ich unsensibel.“
Schulbücher sollten nicht nur Grammatik und Vokabeln vermitteln, sondern Kinder und Jugendliche auch auf interkulturelle Begegnungen in Europa und der Welt vorbereiten, sagt Dr. Sylke Bakker, die englische Fachdidaktik an der Universität lehrt und seit Jahren Masterstudierende während ihres Schulpraktikums betreut.
Darstellungen hinterfragen
Im Kerncurriculum für die Sekundarstufe I an Hauptschulen ist beispielsweise vorgesehen, dass Schülerinnen und Schüler im Sprachunterricht lernen, interkulturelle Begegnungen durch Perspektivwechsel wahrzunehmen, zu reflektieren und zu gestalten. Doch ob das gelingt, hänge auch von den Darstellungen in den Büchern ab, sagt Nnamani. „Diese können das kulturelle Verständnis der jungen Menschen erweitern oder begrenzen“, etwa indem stereotype Darstellungen gewählt und Komplexität reduziert werde.
Für die Masterstudentin waren ihre persönlichen Erfahrungen daher Grund genug, sich praktisch und theoretisch mit der Frage zu beschäftigen, wie Darstellungen in Englischbüchern stereotype Vorstellungen und Rassismus befördern. Und was Lehrkräfte tun können, um diese Vorstellungen zu hinterfragen und kulturelle Vielfalt in den Mittelpunkt zu stellen.
Praktisch bedeutete dies für sie, im Unterricht die vorgegebene Aufgabe beiseite zu lassen und sich der Geschichte von Rosa Parks inhaltlich zu widmen. Sie ließ die achte Klasse darüber reflektieren, warum die Geschichte der Bürgerrechtlerin auch heute noch wichtig ist. Die Jugendlichen erklärten, dass etwa gegenseitiger Respekt wichtig sei oder Hautfarbe und Religion im Umgang miteinander keine Rolle spielen sollten. Nnamani sieht sich bestätigt: „Die Schüler verstanden die Komplexität des Themas und brachten ihre eigenen Erfahrungen ein.“
Unterricht neu gestalten
Zusätzlich analysierte sie, angeregt durch postkoloniale Theorien, wie die Rosa Parks-Geschichte und schwarze Welten in diesem Englischbuch dargestellt werden. „Der entsprechende Comic ist in Sepiatönen gehalten, man sieht so beispielsweise die Unterschiede in der Hautfarbe nicht“, sagt die Studentin. Das könne die Wahrnehmung der Geschichte beeinflussen. Aus ihrer Sicht ist es daher wichtig, dass angehende Lehrkräfte im Studium das nötige theoretische Wissen erwerben, um Darstellungen zu hinterfragen, einzuordnen und ihren Unterricht entsprechend anzupassen.
Fachdidaktikerin Bakker hält diesen Ansatz für vorbildlich. Zwar würden Lehrwerke inzwischen neu konzipiert und die Curricula entsprechend angepasst. „Interkulturelles Lernen soll künftig auch beinhalten, die Vielfalt innerhalb einer Sprache bewusst zu machen“, sagt sie. Die Dominanz eines vermeintlichen muttersprachlichen Ideals wie britisches oder nordamerikanisches Englisch werde beispielsweise kritisch hinterfragt. Doch es gehöre auch zum Selbstverständnis von Lehrkräften, kritisch mit Unterrichtsmaterialien umzugehen und den Unterricht entsprechend neu zu gestalten. „Jessica Nnamani hat gezeigt, wie wichtig dies bei Themen wie Rassismus ist.“