Im Masterstudiengang Sustainable Renewable Energy Technologies kooperiert die Universität eng mit Hochschulen in Ghana und Kolumbien. In einem Reallabor planen und erproben die Studierenden, wie abgelegene Gemeinden mit erneuerbaren Energien versorgt werden können.
Es ist nicht leicht, das „Inspirationszentrum Solunagua für Nachhaltigkeit und Frieden“ in Kolumbien zu erreichen. Von der Provinzhauptstadt Medellín im Nordwesten des Landes sind es etwas mehr als hundert Kilometer Richtung Osten, doch die Fahrt zieht sich. Hat man nach knapp drei Stunden über immer engere, kurvige Straßen das Dorf San Rafael in den zentralen Anden erreicht, sind es noch einmal gut acht Kilometer über eine unbefestigte Piste. Schließlich geht es in dem dicht bewaldeten Hügelland nur noch zu Fuß weiter. Nach einer weiteren Viertelstunde ist man da: Rund 115 Familien leben in Solunagua, einer basisdemokratisch organisierten Gemeinschaft. Deren Ziel istes , hier eine Art Musterdorf für nachhaltige Entwicklung entstehen zu lassen. Sie ist auf Initiative der Nichtregierungsorganisation „Change the World Colombia“ entstanden.
Daran, diesen Plan zu realisieren, sind auch Lehrende und Studierende des Oldenburger Studiengangs „Sustainable Renewable Energy Technologies“ (SuRe) beteiligt. „In den vergangenen vier Jahren haben unsere Studierenden in verschiedenen Kursen, Seminaren und Workshops untersucht, wie die Energieversorgung von Solunagua technisch aussehen könnte, was überhaupt machbar ist und auch, wie groß die Akzeptanz der Bewohner für verschiedene Lösungen ist“, erklärt Dr. Herena Torio, Koordinatorin des Studiengangs. Das Besondere: Seit einem Jahr nehmen nicht nur Studierende aus Oldenburg an den inzwischen hybrid durchgeführten Veranstaltungen teil, sondern auch Studentinnen und Studenten der University of Antioquia (UdeA) in Medellín und der University of Energy and Natural Resources (UENR) in Sunyani, Ghana.
In Solunagua werden nachhaltige Technologien unter realen Bedingungen erprobt
Die interkontinentale Kooperation ist Teil des 2024 gestarteten Projekts SEEDexchange (Sustainable Energy Education – Developing Exchange between continents), das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) mit rund 400.000 Euro über vier Jahre gefördert wird. Die Gemeinde Solunagua dient dabei als Reallabor, also als realer Anwendungsfall, um innovative Technologien und nachhaltige Konzepte unter echten Bedingungen zu erproben und wissenschaftlich zu bewerten. Ziel ist es, gemeinsam mit den Mitgliedern der Gemeinde zu lernen, wie erneuerbare Energien in abgelegenen Siedlungen implementiert werden können. „Die vier Partnerinstitutionen ergänzen sich perfekt“, sagt Torio: Während die Universität Oldenburg die wissenschaftlichen Grundlagen von Energiesystemen und ein forschungsbasiertes Lehr-Lernkonzept beiträgt, verfüge die ghanaische UENR über Expertise im Themenfeld Politik und Wirtschaft. Die UdeA aus Kolumbien wiederum biete eine ingenieurswissenschaftliche Perspektive mit dem Schwerpunkt Wasserkraft. Die NGO „Change the World Colombia“ stehe für die praktische Implementierung und partizipative Prozesse.
Torio ist überzeugt: „Die Studierenden von heute müssen eine breite, ganzheitliche Perspektive mitbringen, um in Zukunft die komplexen technischen und sozialen Herausforderungen lösen zu können, die die Integration erneuerbarer Energien in die Versorgung ländlicher Gemeinden im globalen Süden mit sich bringt.“ Damit sie bestmöglich von den verschiedenen fachlichen Schwerpunkten der drei Universitäten profitieren können, werden im Projekt neben den gemeinsamen Studienmodulen auch Praktikumsversuche eingerichtet, die aus der Ferne durchgeführt werden können. „Wir überarbeiten zum Beispiel derzeit ein Laborexperiment zur Windenergie so, dass man es über das Internet steuern und die Ergebnisse auswerten kann“, erklärt Dr. Tanja Behrendt, Dozentin im SuRe-Master. Die University of Antioquia steuert einen Versuch zu ihrem Spezialgebiet Wasserkraft bei. In Ghana stehen Laborpraktika bislang nicht auf dem Lehrplan.
Der dritte Bestandteil des Projekts sind jährliche Workshops, die wechselnd in Präsenz an den drei Partneruniversitäten ausgerichtet werden. Nachdem sich die Beteiligten 2024 zur Auftaktveranstaltung in Oldenburg getroffen hatten, fand der Workshop 2025 mit rund 50 Teilnehmenden in Ghana statt. Neben Exkursionen, bei denen die Energieversorgung des Landes im Mittelpunkt stand, fand auch ein ebenfalls vom DAAD gefördertes Alumniseminar statt. In einem zweitägigen Hackathon unter dem Motto „Open Energy Modelling“ erarbeiteten die Studierenden der drei Universitäten in gemischten Gruppen mit 15 Alumni des Oldenburger SuRe-Studiengangs und weiterer DAAD-Programme Lösungen für regionale Energiefragen.
Wie lassen sich Photovoltaik und Landwirtschaft verbinden?
Die Teams erhielten dabei unterschiedliche Aufgaben, etwa ein sogenanntes Agri-Photovoltaik-Projekt zu planen, bei dem eine Fläche sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Energieerzeugung genutzt wird, oder die Machbarkeit von Atomkraft auf dem afrikanischen Kontinent zu analysieren. „Die Vernetzung zwischen den Studierenden mit ihrem aktuellen Wissen und den Alumni, die viel Erfahrung aus ganz unterschiedlichen Bereichen mitbringen, kam auf beiden Seiten gut an“, berichtet Behrendt.
Das Oldenburger Masterprogramm zu erneuerbaren Energien wurde bereits seit 1987 eingerichtet, damals noch unter dem Namen „Postgraduate Programme Renewable Energy“ (PPRE). „Es gibt inzwischen ein ausgedehntes und sehr aktives Alumni-Netzwerk“, berichtet Torio. Mehr als 500 Studierende aus rund 85 Ländern haben das Programm abgeschlossen. Der überwiegende Teil der Alumni stammt – wie die aktuellen Studierenden – aus Ländern des globalen Südens.
Im kommenden Jahr findet der Präsenzworkshop in Kolumbien statt. Dann geht auch das Reallabor Solunagua in die Praxisphase: Teils aus Projektmitteln werden dort Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und eine kleine Wasserkraftturbine installiert. Die Betriebsdaten der Anlagen sollen online zugänglich sein. „Das ist eine super Sache für die Studierenden: Sie können die Daten zum Beispiel nutzen, um zu lernen, wie man Modellierungen mit Daten abgleicht oder auch, wie man die Daten anschaulich aufbereitet“, erklärt Andreas Günther, Lehrender im SuRe-Master.
Auch wenn der Lehraustausch zwischen Oldenburg, Medellín und Sunyani aufgrund der Zeitverschiebung, unterschiedlicher Curricula und Semestertermine sowie manchmal instabiler Internetverbindungen gewisse Herausforderungen mit sich bringt, sind Torio, Behrendt und Günther sich einig: Die Kooperation über drei Kontinente hinweg bereichert das Studium ungemein. „Dank SEEDexchange können wir erstmals eine längere Zusammenarbeit mit gleich zwei Partneruniversitäten aufbauen, von der der gesamte Jahrgang unseres SuRe-Masters profitiert“, freut sich Torio. Sie und ihre Kolleg*innen haben bereits weitere Fördermittel beantragt, um die Kooperation zu verstetigen und weiterzuentwickeln.