Zwei Meeresforschungsinstitute und ein Ziel: ein gesunder Ozean. Im Interview sprechen Katharina Pahnke, Direktorin des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM), und Helmut Hillebrand, Direktor des Helmholtz-Instituts für Funktionelle Marine Biodiversität (HIFMB), darüber, wie die Institute gemeinsam die Meereswissenschaften auf nationaler und internationaler Ebene voranbringen.
Mit dem ICBM und dem HIFMB sind zwei starke Meeresforschungsinstitute in Oldenburg angesiedelt. Was ist die jeweilige Forschungsmission?
Pahnke: Am ICBM erforschen wir das Ökosystem Ozean in seiner biologischen, chemischen, geologischen und physikalischen Vielfalt – von einzelnen Molekülen und Zellen bis zu globalen Skalen.
Hillebrand: Das HIFMB beschäftigt sich mit der biologischen Vielfalt in den Ozeanen von der Grundlagenforschung bis hin zu angewandten Konzepten des Ökosystemmanagements und des Erhalts der biologischen Vielfalt.
Wo treffen sich diese Perspektiven und wo ergänzen sie sich?
Pahnke: Wir sind an beiden Instituten an der Gesundheit der Meere interessiert. Das ICBM, ursprünglich ein Küstenforschungsinstitut, ist längst global aktiv. Unser Ziel ist es, ein interdisziplinäres Grundverständnis des Ozeans zu erreichen und so weitere Forschungsansätze zu ermöglichen. Wir untersuchen zum Beispiel, wie sich die Umwelt durch menschliche Einflüsse verändert – auch im Vergleich zu dem, was auf geologischen Zeitskalen auf natürliche Weise geschehen ist. Dadurch stellen wir heutige Umweltveränderungen in einen größeren Kontext.
Hillebrand: Wie wir die Funktionsweise von Ökosystemen erhalten können, ist eine zentrale Frage, die uns eint. Das HIFMB ist von Beginn an global ausgerichtet und erweitert das Oldenburger Portfolio: Zwei Arbeitsgruppen beschäftigen sich beispielsweise mit dem Management und der Governance von Meeren, also wie Menschen und ihre Institutionen Ökosysteme regulieren und steuern. Die Professur für Meeresnaturschutz beschäftigt sich damit, wie Ökosysteme geschützt und wiederhergestellt werden können. Das füllt eine Lücke innerhalb der marinen Umweltwissenschaften – nicht nur in Oldenburg, sondern überhaupt in Deutschland.
Arbeitsgruppen aus beiden Instituten sind auch am Exzellenzcluster Ocean Floor beteiligt …
Hillebrand: Stimmt, und der Cluster ist ein sehr gutes Beispiel für die konkrete Zusammenarbeit zwischen beiden Instituten und der Universität Bremen. Er deckt zwei wichtige Aspekte unserer Forschung in Oldenburg ab: Einerseits geht es darum, wie Mikroorganismen mit im Meerwasser gelöstem organischem Kohlenstoff interagieren und was das für den globalen Kohlenstoffkreislauf bedeutet. Andererseits erforschen wir, wie sich die biologische Vielfalt von Organismen natürlicherweise verändert hat und zwar über Millionen von Jahren. Wir hoff en, mit den Informationen aus der Vergangenheit Zukunftsszenarien entwickeln zu können.
Pahnke: Um sich der Frage anzunähern, wie sich der Küstenraum einschließlich der Biodiversität in der jüngeren Vergangenheit verändert hat, wird es am ICBM außerdem eine neue Professur geben in Kooperation mit dem Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir gemeinsam Forschungslücken füllen.
Das HIFMB ist ein Helmholtz-Institut „an der Universität Oldenburg“. Was bedeutet das?
Hillebrand: Helmholtz-Institute sind immer auf dem Campus einer Universität angesiedelt. Sie gehören jedoch formal und finanziell zu einem Helmholtz-Zentrum, bei uns ist es das Alfred-Wegener-Institut (AWI). Wir haben eine sehr große Nähe zu beiden Elternteilen – einerseits zum AWI durch das gemeinsame Forschungsprogramm, in dem alle sieben Jahre die Forschung der Helmholtz-Zentren geplant wird. Andererseits sind unsere fünf Professuren Kooperationen mit dem ICBM und damit an der Uni angesiedelt. Wir kommen regelmäßig mit den Arbeitsgruppenleitungen am ICBM zusammen und entwickeln neue Projektideen. Wir nutzen gemeinsam Methoden, vor allem molekulare Analyseverfahren, und betreuen zusammen Postdocs, beispielsweise zum Thema Kipppunkte und Korallenriffe.
Pahnke: Für die Oldenburger Meeresforschung sind die Aspekte, die das HIFMB einbringt, ein großer Gewinn. Aber auch für Studierende ist es unglaublich attraktiv, ein anderes Forschungsumfeld wahrzunehmen und beispielsweise in die Sozialwissenschaften reinzugucken.
In der Meeresforschung ist der Anteil außeruniversitärer Institute groß, da Unis die dafür notwendige Infrastruktur oft nicht vorhalten können. Das ICBM wurde 1987 explizit als Uni-Institut gegründet. Welche Vorteile hat dies?
Pahnke: Ein enormer Vorteil ist eben der unmittelbare Kontakt zu den Studierenden. Wir können unsere Forschungsergebnisse direkt an die nächste Generation vermitteln. Außerdem arbeiten wir in Forschung und Lehre eng mit anderen Instituten zusammen, etwa mit dem Institut für Biologie und Umweltwissenschaften (IBU). Was uns zudem auszeichnet: Wir sind trotz unserer geringen Größe auch auf großen Forschungsschiffen aktiv und verfügen über erhebliche Infrastruktur für die Meeresforschung. Wir haben entsprechende Messgeräte, Sensorik und Probenahmegeräte für die Feldarbeit und in unseren Laboren einmalige Analysegeräte. Für die Küstenforschung kommen uns eigene Forschungsboote, die Forschungsinfrastruktur auf Spiekeroog und der direkte Zugang zum Meer mit dem Standort in Wilhelmshaven zugute.
Hillebrand: Das HIFMB profitiert von diesen Möglichkeiten: Die Studierenden verleihen unserem Institut Campusflair. Wir kooperieren nicht nur mit dem ICBM, sondern beispielsweise auch mit Arbeitsgruppen in den Sozialwissenschaften. Zudem beteiligt sich das HIFMB mit eigenen Beiträgen am Hochleistungsrechner der Universität Oldenburg.
Welche wichtige Forschungsfrage möchten die Institute künftig gemeinsam angehen?
Pahnke: Ein möglicher Fokus liegt auf der Übergangszone Land-Meer. Zwei der DFG-Forschungsgruppen, die am ICBM und IBU koordiniert werden, beschäftigen sich genau mit dieser Zone. Denn hier machen sich menschliche Einflüsse am stärksten bemerkbar, der Druck auf die Ökosysteme ist enorm hoch – etwa durch anthropogene Einträge oder Offshore-Windparks.
Hillebrand: In den Küstenregionen haben wir es in der Tat mit einer Vielzahl an Problemen zu tun, der Klimawandel ist nur ein Aspekt. Um nicht nur den Umweltwandel zu verstehen, sondern auch, welche Auswirkungen er für uns Menschen hat und welchen Handlungsbedarf es gibt, möchten wir auch hier die Sozialwissenschaften einbeziehen. Unsere Vision ist daher ein größerer Forschungsansatz zum Thema „Küste im Anthropozän“, der die Expertise des ICBM in der Küstenforschung mit der des HIFMB in den Sozialwissenschaften noch stärker verbindet.
Interview: Constanze Böttcher