Der Studiengang „Museum und Ausstellung“ ist deutschlandweit einzigartig. Neben Theorie an der Uni tauchen die Studierenden tief in die Arbeit von Museen ein – und stellen bereits eine eigene Ausstellung auf die Beine. Diesmal geht es um Sport.
Jedes Wort muss sitzen. An einem Vormittag Mitte Februar sitzen Gwendolyn Wördenweber und Moritz Waßmann tief über ihre Laptops gebeugt. Der letzte Feinschliff für die Texte der Ausstellung steht an. Leicht verständlich sollen sie sein, kurz und knackig, informativ, aber auch unterhaltsam. Es sei herausfordernd, die Botschaft auf das absolut Wesentliche zu reduzieren und sich dafür von lieb gewonnenen Formulierungen zu trennen, erzählen die Studierenden aus dem dritten Semester im Masterstudiengang „Museum und Ausstellung“.
Die Texte sind für eine von Anfang bis Ende selbst konzipierte Ausstellung gedacht. Mit neun weiteren Studierenden aus dem Jahrgang präsentieren sie diese vom 15. bis 26. April im Oldenburger Forum St. Peter. Der Titel: „Ein Gefühl das bleibt. Mit fünf Sinnen durch das Vereinsleben des Oldenburger Turnerbundes.“ Es ist Teil des Projektes „Sportstätten als Erinnerungsorte“ des Regionalverbands Oldenburgische Landschaft.
Sportgeschichte: Ein Ausstellungskonzept entwickeln
Es ist das erste Mal, dass die Studierenden eine Ausstellung öffentlich und nicht nur im Rahmen eines uniinternen Seminars ausrichten, als großes Praxisprojekt des Studiums, das über zwei Semester läuft. Der Arbeitsauftrag war weit gefasst: Eindrücke aus 167 Jahren Vereinsleben in Szene setzen – wie auch immer. „Wir haben erst einmal Sportstätten des OTB besichtigt und sehr viel Archivmaterial gewälzt“, erinnert sich Waßmann an die Anfänge. „Wichtig war es uns, keine rein historische Ausstellung für Vereinsmitglieder zu machen, sondern auch Menschen anzusprechen, die nichts mit dem OTB und seiner Geschichte zu tun haben.“
Das Ergebnis: Eine Ausstellung, die multisensorisch vermittelt, wie Sport und Erinnerungen im Allgemeinen und OTB-Historie und persönliche Erinnerungen im Speziellen zusammenhängen. An fünf Stationen werden bei Ausstellungsbesuchenden verschiedene Sinne angesprochen. „Gerade beim Sport gibt es viele typische Geräusche, und bei vielen Menschen kommen dann Erinnerungen hoch“, erklärt Wördenweber das Konzept. So tönt zum Beispiel beim Thema „Hören“ der schrille Ton einer Trillerpfeife durch den Raum. Auch Lieder erklingen, die bei großen Sportereignissen oder unter Vereinsmitgliedern zusammen gesungen werden – sowie Geschichten von früher, die einander beim OTB noch heute erzählt werden.
Eine eigene Ausstellung durchführen, das bedeute intensive Arbeit, berichten die Studierenden. Sie hätten sich schnell in verschiedene Arbeitsgruppen aufgeteilt. Im Bereich der Kuration und Vermittlung wurde das grundlegende Ausstellungskonzept entworfen. Andere setzten sich mit gestalterischen Fragen auseinander und entwickelten die interaktiven Mitmachstationen für Ausstellungsbesucher*innen. Das Team der Kustodie kümmerte sich darum, dass Ausstellungsgegenstände wie Trillerpfeife und Kopfhörer am vorgesehenen Platz sind. Auch die Öffentlichkeitsarbeit – visuelle Werbung, eine Webseite und einen eigenen Instagramkanal (@ausstellungsprojekt) betreuen – gehörte dazu. Neben der reinen Ausstellung galt es ein Begleitprogramm zu organisieren, mit Führungen und Diskussionsrunden.
Wir verzahnen Theorie und Praxis auf besondere Weise.
Dr. Klara von Lindern; Fachstudienberatung des Studiengangs „Ausstellung und Museum"
„Das ist viel, aber wir bereiten unsere Studierenden gut darauf vor. Schon ab dem ersten Studienjahr lernen sie, was es heißt, eine Ausstellung allein auf die Beine zu stellen“, sagt Dr. Klara von Lindern, Fachstudienberatung des Studiengangs und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Materielle Kultur. „Dabei verzahnen wir Theorie und Praxis auf besondere Weise.“ Seit rund 20 Jahren gibt es den Master „Museum und Ausstellung“ nun schon. Einzigartig am Oldenburger Modell ist laut von Lindern, dass die Studierenden bereits direkt mit Studienbeginn tief in die praktische Arbeit verschiedener Museen eintauchen – insbesondere von kleinen bis mittelgroßen aus der Region. Vier Häuser besuchen sie schon während der ersten beiden Semester, dabei sind sie an einem festen Tag in der Woche vor Ort. Kooperationen gibt es beispielsweise mit dem Stadtmuseum Oldenburg, dem Landesmuseum Natur und Mensch, dem Marinemuseum Wilhelmshaven, dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven und dem Museumsdorf Cloppenburg. „Die Studierenden lernen so ganz praktisch die verschiedenen Felder der Museumsarbeit kennen und können sich von Beginn an breit vernetzen“, sagt von Lindern. „Kontakte untereinander und zu Mitarbeitenden in den Museen zu knüpfen, erleichtert den beruflichen Einstieg in die Branche.“
Auch Wördenweber und Waßmann konnten sich vor dem ersten eigenen, großen Ausstellungsprojekt bereits in verschiedenen Museen ausprobieren. Sie haben beispielsweise zum Leben und Wirken eines Deichgrafen in der Wesermarsch recherchiert für das Handwerksmuseum Ovelgönne, Texte lektoriert für eine neue Ausstellung im Museum „Nordwolle Delmenhorst“ und auf einem renovierungsbedürftigen Gulfhof an einem Konzept für eine museale Nutzung mitgewirkt.
Museen im gesellschaftlichen Wandel
Theoretisches Wissen und Methoden aus den Uni-Seminaren haben die Studierenden dann schon mit im Gepäck. In den ersten beiden Semestern gibt es beispielsweise ein Einstiegsmodul, in dem es unter anderem darum geht, wie Museen überhaupt entstanden sind, welche aktuellen Diskurse und Debatten die Museumslandschaft prägen und wie sich Ausstellungen wissenschaftlich analysieren lassen. „Museen folgen häufig einer eigenen, institutionellen Logik und zeichnen sich durch oft lange bestehende, institutionelle Strukturen aus“, sagt von Lindern. Trotzdem seien sie zentrale Aushandlungsorte für gesellschaftliche Debatten und Diskurse. „Es freut mich, wenn unsere Studierenden als gut ausgebildete, junge Menschen an der Aushandlung solcher gesellschaftlichen, aber auch wissenschaftlichen Debatten in den Ausstellungen in und um Oldenburg beteiligt sind und sich aktiv und mit frischem Blick einbringen.“ Etwa, wenn es um Themen geht wie Diskriminierung, Barriereabbau und Digitalisierung. Auch, wenn darauf geschaut wird, wo bestimmte Ausstellungsobjekte eigentlich herkommen und inwiefern postkoloniale Bezüge aufgearbeitet sind.
Als Allrounder ins Berufsleben starten
Was kommt nach dem Abschluss? „Wir bilden im Studium die ganze Bandbreite der Museumsarbeit ab. Unsere Alumni haben daher sehr verschiedene Berufswege eingeschlagen“, sagt von Lindern. Manche kuratieren klassisch Ausstellungen, andere sind im Bereich Bildung und Vermittlung tätig oder gehen in die Wissenschaft. Wieder andere sind aktiv in der Kulturpolitik, im Museumsverband, arbeiten im Archiv oder in der Bibliothek. Es gebe ehemalige Studierende, die mittlerweile Museen in der Region leiten oder in der Öffentlichkeitsarbeit tätig sind. Die Studierenden aus dem aktuellen Jahrgang haben den Berufseinstieg noch vor sich. „Ich stelle mich darauf ein, dass meine Aufgaben später wahrscheinlich sehr vielfältig sein werden“, sagt Wördenweber. Das erste große eigene Ausstellungsprojekt habe sie in jedem Fall bestärkt, ihren Weg weiterzugehen, ergänzt Waßmann. Sie wüssten nun: Egal, welche Aufgabe sie im Museum bekommen – sie werden damit gut zurechtkommen.