• Eine Frau hält ein Bild in der Hand.

    Bestimmte Motive begegnen Silke Bakenhus bei der Bilderauswertung immer wieder: etwa die Prinzessin oder Königin mit Krone, Ritter mit Rüstung, Wachen am Tor, Lanzen und Kampfszenen. Daniel Schmidt/ Universität Oldenburg

  • Eine Burg.

    Die Geschichte der Evenburg war anders, als viele Kinder es sich vorstellen. Universität Oldenburg/ Silke Bakenhus

Wie sich Kinder das 19. Jahrhundert ausmalen

Dr. Silke Bakenhus forscht dazu, wie sich Grundschulkinder das Leben vor 200 Jahren vorstellen. Selten malen sich Fünf- bis Zwölfjährige die Vergangenheit realistisch aus – umso wichtiger wird da der Sachunterricht. 

Rüstung, Krone, Prinzessin: Dr. Silke Bakenhus forscht dazu, wie sich Grundschulkinder das Leben vor 200 Jahren vorstellen. Selten malen sich Fünf- bis Zwölfjährige die Vergangenheit realistisch aus. Wie ihre Ergebnisse dabei helfen können, den Sachunterricht zu verbessern, erklärt die Bildungswissenschaftlerin im Interview. 

Dr. Silke Bakenhus, Sie haben Kinder dazu animiert, auf dem altehrwürdigen Schloss Evenburg in Ostfriesland am eigens konzipierten Malwettbewerb „BildSpuren“ mitzumachen. Warum?

Dort sind wirklich schöne Bilder entstanden! Es geht mir aber vor allem darum, von den Kindern zu erfahren, wie sie sich das Leben im 19. Jahrhundert vorstellen. Dafür wurde im Ballsaal ein Maltisch mit Papier und Buntstiften aufgebaut. Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren konnten dort acht Wochen eigenständig zeichnen und so zeigen, wie sie sich historisches Schlossleben auf der Evenburg ausmalen. 102 Bilder sind entstanden, die ich nun als qualitatives Datenmaterial im Rahmen des Habilitationsprojekts „QuaSU – Quellenarbeit im Sachunterricht“ nutze. Teilnehmende kamen größtenteils aus Niedersachsen, auch aus Sachsen, Thüringen, Baden-Württemberg, Frankreich und den Niederlanden. Finanziell gefördert wurde das Projekt von der Universitätsgesellschaft (UGO).

Was ist der Forschungshintergrund? 

Die naturwissenschaftliche Perspektive des Sachunterrichts ist ausgeprägt und gut erforscht. Auf die historische Perspektive des Sachunterrichts trifft das weniger zu. Es gibt zum Beispiel kaum Daten dazu, wie es um das Vorwissen von Grundschulkindern zur Frühen Neuzeit bestellt ist. Meine These ist, dass ihre Vorstellungen vom damaligen Leben stark von den realen historischen Begebenheiten abweichen. Wenn dem so ist, wäre es wichtig, im Schulunterricht mit geeigneten Lehrmaterialien an die Vorstellungen der Kinder anzuknüpfen, um Wissenslücken gezielt zu schließen. 

Mit welcher Methode arbeiten Sie bei der Auswertung der Bilder? 

Ich stütze mich auf die Bildhermeneutik, eine etablierte qualitative Forschungsmethode. Sie geht davon aus, dass Bilder mehr ausdrücken als Worte: Sie spiegeln Wahrnehmungen, Emotionen und implizite Wissensstrukturen. Konkret zählen wir im Vier-Augen-Prinzip die Elemente auf den im Malwettbewerb entstandenen Bildern. Welche Motive tauchen wo immer wieder auf? Wie oft kommt das Symbol der Krone vor? Der Ritterrüstung? Der Prinzessin im Kleid? Im zweiten Schritt schauen wir auf Situationen. Wie viele Figuren gibt es und wie interagieren diese miteinander? Zeigen sie sich friedlich, kämpferisch, fröhlich, traurig? 

Die Bilder haben Sie mittlerweile ausgewertet und kommen zu ersten Ergebnissen. Wurde 102-mal das gleiche gemalt? 

Die Gräfin wird besonders oft als Prinzessin oder Königin mit Krone gemalt. Es gibt viele Ritter mit Rüstung, Wachen am Tor, Lanzen, Kampfszenen, in denen das Blut spritzt. Kinder verbinden Fantasie und Geschichte: Drachen tauchen auf. Meine These hat sich damit bestätigt. Schon vor der Schulzeit sind viele Bilder vom Leben auf einem Schloss unbewusst im Gedächtnis der Kinder angelegt. Das sind klischeehafte Motive und Rollenverständnisse, die mit den realen historischen Begebenheiten natürlich wenig zu tun haben. 

Ist es nicht auch schön, wenn Kinder Fantasie mit Geschichte verbinden? 

Ja, unbedingt! Ich finde es sogar besonders schön, wenn Kinder Fantasie mit Geschichte verbinden denn genau da beginnt ein wichtiger Lernprozess. Viele Kinder greifen zunächst auf vertraute oder klischeehafte Bilder zurück, weil das ihre ersten Zugänge zur Vergangenheit sind. Gerade diese Bilder zeigen, welche Vorstellungen und Emotionen Geschichte bei ihnen auslöst. Im Sachunterricht versuchen wir, genau daran anzuknüpfen: Kinder sollen eigene Fragen an die Vergangenheit stellen. Damit wird schon früh die historische Fragekompetenz gefördert also die Fähigkeit, neugierig, kritisch und reflektiert mit Geschichte umzugehen. In diesem Sinne ist Fantasie kein Gegensatz zum historischen Lernen, sondern sein Motor.

Wie war es denn tatsächlich auf Schloss Evenburg? 

Schaut man auf die Geschichte der Evenburg, merkt man schnell, dass das Leben dort ganz anders war, als viele Kinder es sich vorstellen. Die Evenburg wurde 1642 von Oberst Erhard Reichsfreiherr von Ehrentreuter als barockes Wasserschloss erbaut – nicht als Ritterburg, sondern als repräsentativer Wohnsitz auf einer von Wassergräben umgebenen Schlossinsel. Nur eine Generation später kam die Anlage durch Heirat an die Familie von Wedel, die sie Mitte des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil zu einem modernen, komfortablen Wohnsitz umbauen ließ. Das Leben dort war geprägt von Geselligkeit, Gartenkultur und Landwirtschaft – man hatte sogar Gewächshäuser für exotische Pflanzen wie Ananas und Wein. Mit mittelalterlichen Kämpfen oder Märchenwelten hatte das wenig zu tun. Genau das macht es im Sachunterricht so spannend: Kinder bringen ihre Fantasiebilder mit, und sie können herausfinden, was davon Fiktion ist und was auf historischen Fakten beruht. Wenn sie erkennen, dass Geschichte aus echten Lebenswelten besteht, wird sie für sie lebendig und begreifbar.

Eine ähnliche Bilderauswertung haben Sie 2023 an mehreren Grundschulen im Oldenburger Raum gemacht. Dabei ging es um das Vorwissen zu Kaperungen und Piraten… 

Auch bei diesem Projekt zeigte sich, dass bestimmte Vorstellungen schon angelegt sind. Die Kinder haben zum Beispiel Augenklappen, den Papagei auf der Schulter und kriegerische Kaperungen von Schiffen gezeichnet. Dabei gab es unter Freibeutern damals durchaus friedliche Kaperungen ohne Kämpfe und mit einem sogenannten Kaperbrief. Es lief früher nicht alles so ab wie im bekannten Film „Fluch der Karibik“.

Wie entstehen Vorstellungen von der Vergangenheit bei Kindern? 

In der Bildungsforschung sprechen wir von sogenannten Präkonzepten – also von vorläufigen, oft unbewussten Vorstellungen, die Kinder schon sehr früh entwickeln. Diese entstehen nicht in der Schule, sondern lange vorher: durch Geschichten und Märchen, durch Filme, Serien oder Bilderbücher. Auch das Spielzeug im Kinderzimmer spielt eine große Rolle – Ritterburgen, Schlösser, Piratenschiffe. So verknüpfen Kinder die Vergangenheit mit bestimmten, oft klischeehaften Bildern: Die Prinzessin trägt eine Krone und ein glitzerndes Kleid, der Ritter steckt ständig in seiner Rüstung, und der Pirat hat natürlich einen Papagei auf der Schulter. Solche Vorstellungen sind zunächst völlig normal, sie zeigen, wie Kinder sich Geschichte über Fantasie und Emotion erschließen – und genau daran können wir im Unterricht anknüpfen, um diese Bilder Schritt für Schritt zu erweitern.

Wie kann die Forschung zu solchen Präkonzepten den Sachunterricht verbessern? 

Um geeignete Lernmaterialen zu erstellen, braucht es überhaupt erst einmal eine Datengrundlage, die das historische Vorwissen der Kinder beschreibt. Ich hoffe, ich kann mit meiner Forschung exemplarisch dazu beitragen. Wenn ich weiß, dass viele Kinder solche Bilder verinnerlicht haben, können genau darauf zugeschnittene Unterrichtsmaterialien entwickelt werden. Lehrkräfte können über didaktische Zugänge gezielt darauf eingehen, in welchen Kontexten Ritter, Prinzessinnen und Piraten damals tatsächlich eine Rolle gespielt haben. Sie können das Faktenwissen erweitern und historisches Lernen bereits bei Grundschulkindern fördern. Denn eines zeigen mir die Malwettbewerbe in jedem Fall: Das Interesse an historischen Themen ist bei Grundschulkindern riesig und sie entdecken die Vergangenheit am besten, wenn Fakten und Fantasie zusammenkommen.

Interview: Saskia Heinze

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