Vita

Der Soziologe Prof. Dr. Thomas Alkemeyer lehrt und forscht seit 2001 an der Universität Oldenburg. Er leitet den Arbeitsbereich für Soziologie und Sportsoziologie und fungiert unter anderem als Sprecher des Forschungsschwerpunkts „Gesellschaftliche Transformation und Subjektivierung“ sowie des Promotionsprogramms „Gestalten der Zukunft“.

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Prof. Dr. Thomas Alkemeyer

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  • Olympia-Logo hinter einer mit Regentropfen benetzen Scheibe.

    Die Olympischen Spiele sind bereits seit längerem in der Krise, sagt der Sportsoziologe Thomas Alkemeyer. Photo: Christian Lue auf Unsplash

  • Portraitfoto von Thomas Alkemeyer

    Der Sportsoziologe Thomas Alkemeyer. Foto: Universität Oldenburg

„Die Faszination ist weg“

Sportliche Großereignisse wie die Olympischen Spiele stehen immer mehr in der Kritik. Darüber, ob derartige Wettkämpfe noch zeitgemäß sind, spricht der Sportsoziologe Thomas Alkemeyer im Interview.

Sportliche Großereignisse wie die Olympischen Spiele stehen immer mehr in der Kritik. Darüber, ob derartige Wettkämpfe noch zeitgemäß sind, spricht der Sportsoziologe Thomas Alkemeyer im Interview.

Herr Prof. Alkemeyer, was fasziniert Menschen so an sportlichen Wettbewerben wie den Olympischen Spielen?

Der Sport kann große Wettkämpfe und berührende Momente bieten. Momente, in denen man mitfiebert und sich freut, dass überraschend jemand, von dem man es nicht erwartet hätte, gewinnt oder Größe in der Niederlage zeigt. Olympia lässt zudem auch manch kuriose, aber gerade deshalb unterhaltsame Sportart ins Rampenlicht treten, die es ansonsten allenfalls in den Lokalteil der Regionalzeitungen schafft. Dass Sport die Menschen emotional öffnet, macht ihn auch für die Wirtschaft so attraktiv. Dennoch wächst die Skepsis den großen, kommerziellen Sportereignissen gegenüber. Es liegt allzu viel im Argen.

Verfolgen Sie derzeit Olympischen Winterspiele?

Nur am Rande über die Nachrichten oder in der Zeitung. Das liegt zum einen daran, dass mich nur wenige Wintersportarten wirklich interessieren. Es hat zum anderen aber auch mit den Umständen dieser Spiele zu tun. Ich habe – wie einige in meinem Bekanntenkreis – keine große Lust auf dieses Olympia, unter diesen in vielerlei Hinsicht befremdenden Bedingungen.

Was meinen Sie?

Zum einen die Pandemie, zum anderen liefern die Spiele glanzvolle Bilder, hinter denen die Verletzung der Menschenrechte unsichtbar gemacht werden soll. Und mit der Nachhaltigkeit dieses Ereignisses ist es, anders als behauptet, auch nicht weit her. Das vergällt mir die Freude an den sportlichen Wettkämpfen doch sehr.

Würden Sie sagen, dass die Olympischen Spiele in der Krise sind?

Ja, und das bereits seit längerem. Die Popularität der Olympischen Spiele scheint zu schwinden. Nicht nur in Deutschland wollen nur noch sehr wenige Städte die Spiele haben, wie etwa auch Abstimmungen in der Bevölkerung gezeigt haben.

Woran liegt das?

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Ein Aspekt sind die enormen Kosten. Bereits für die Bewerbung fallen zwei- bis dreistellige Millionenbeträge an. Hinzu kommen unter anderem enorm wachsende Sicherheitskosten. Der größte Posten ist die Infrastruktur, und dann entstehen selbstverständlich Organisationskosten während der Durchführung der Spiele. Wenn man das addiert, dann landet man bei zweistelligen Milliardenbeträgen. Dann überlegen sich viele Bürgerinnen und Bürger: Lohnt sich das? Was passiert mit den Sportanlagen nach den Spielen? Was haben wir davon? Nach den Berechnungen von Fachleuten aus den Wirtschaftswissenschaften rentieren solche großen Sportereignisse in aller Regel nicht.

Welche Gründe gibt es noch?

Eine wachsende Zahl von Menschen toleriert die enormen Eingriffe in die Natur, die gerade Olympische Winterspiele erfordern, immer weniger. Darüber hinaus wächst die Ablehnung großspurig auftretender Sportfunktionäre und Sportorganisationen. Insbesondere das Internationale Olympischen Komitee zeigt sich als eine autokratische Organisation, die immer wieder auch von Korruptionsskandalen betroffen war.

Sind Großveranstaltungen im Sport wie die Olympischen Spiele überhaupt noch zeitgemäß?

Der olympische Höchstleistungssport ist auch aufgrund seines Gigantismus in die Krise geraten. Er verkörpert besonders klar und anschaulich den Fortschritts- und Wachstumsimperativ der Moderne: Citius, altius, fortius, übersetzt: schneller, höher stärker. Zwar orientieren sich sogenannte moderne Gesellschaften nach wie vor am Prinzip des Fortschritts, aber dieses Prinzip verliert doch an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Denn eine wachsende Zahl an Menschen erkennt inzwischen die zerstörerischen Folgen unbegrenzten Wachstums. Im Höchstleistungssport zeigen sich diese Folgen beispielsweise in der Manipulation und technologischen ‚Optimierung‘ der menschlichen Natur durch Technowissenschaft und Doping. Daher stellt sich Frage, wie zeitgemäß das olympische Sportmodell, wie wir es seit mehr als einem Jahrhundert kennen, noch ist.

Der ursprüngliche olympische Gedanke, dass sich Menschen aus vielen Nationen treffen und sich in einem fairen Wettkampf messen, aber auch durch den Sport verbinden, ist doch eigentlich etwas Schönes.

Klar, es kann etwas sehr Schönes sein, gemeinsam mit anderen Sport zu treiben, sich zu begegnen und einander auch zu messen. Die meisten Athletinnen und Athleten, die dabei waren, schwärmen von Olympia, davon, Menschen aus aller Welt kennengelernt zu haben. Und das oft völlig unabhängig davon, wie erfolgreich sie waren. Zugleich muss man freilich sehen, dass der olympische Sport auch differenziert und trennt, und zwar nicht nur nach Fähigkeiten und Leistung, sondern auch nach nationaler Zugehörigkeit. Vor allem auch in den Massenmedien werden die Wettkämpfe nach wie vor als ein Wettbewerb nationaler Repräsentantinnen und Repräsentanten behandelt. Nach wie vor soll der Medaillenspiegel die sportliche Leistungsfähigkeit der Nationen dokumentieren. In der Bundesrepublik untersteht die Förderung des Leistungssports aus Steuergeldern dem Bundesinnenministerium. Es fördert hoch selektiv anhand des Medaillenpotentials der verschiedenen Sportdisziplinen. Als Output sollen gute Platzierungen und am besten Medaillen herauskommen. Sportarten ‚ohne Potential‘ drohen leer auszugehen. Auch in diesem Punkt muss man fragen: Wie zeitgemäß sind solche nationalen Repräsentationen in einer Welt, die sich von nationalen Prioritäten lösen müsste, um globalen Herausforderungen begegnen zu können?

Sehen Sie andere Möglichkeiten?

Ich könnte mir durchaus vorstellen, bei globalen Sportveranstaltungen auf nationale Symbolik zu verzichten. Die Frage ist dann freilich: Wer finanziert diesen Sport dann insbesondere in denjenigen Sportarten, die wenig werbewirksam sind und außerhalb von Olympia kaum wahrgenommen werden. Darüber hinaus ließen sich Olympische Spiele durchaus kleiner und bescheidener durchführen, sofern ihre Organisationsstrukturen grundlegend reformiert würden. Ich denke, dass sie nur so zukunftsfähig wären.

Sehen Sie Bestrebungen in diese Richtung?

Durchaus, die kommen aber nicht aus dem IOC. Das IOC verfolgt neben politischen vor allem wirtschaftliche Interessen und ordnet ihnen alles andere unter. Es verbucht Milliardeneinnahmen aus der Vergabe von Übertragungsrechten. Zudem geht es um die Erschließung neuer Sport-Märkte. Dafür ist China ein exzellentes Beispiel. Man vertritt die geradezu bizarre Idee, die chinesische Bevölkerung durch die Olympischen Spiele mehr für den Wintersport zu begeistern und entsprechendes Sportequipment an den Mann und die Frau bringen zu können. Und dies in Regionen, in denen nur überaus selten einmal schneit, das muss man sich mal vorstellen!

Wie könnte ein Umdenken erreicht werden?

Der größte Druck wird entfaltet, wenn das Publikumsinteresse abnimmt und die Einschaltquoten sinken. Das wäre ein bedrohliches Szenario für das IOC. Tendenzen in diese Richtung sind ja tatsächlich zu beobachten.

Werden Sie bei den nächsten Sommerspielen vielleicht doch wieder vor dem Fernseher sitzen?

Vielleicht schaue ich mir mal die eine oder andere Veranstaltung an, aber vermutlich eher sporadisch. Die große Faszination ist weg und wird sich so rasch nicht wieder einstellen.

Interview: Ute Kehse

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